Initiative `Gewalt geht immer / violare humanum est'Polizisten beim Einsatz in Berlin-Mitte




HÖRSPIEL-SCRIPT (Auszug)

Stadt-Land-Schluss

(Teil Ia - Ib - II):


"Shootdown vor der Russischen Botschaft"




MODERATORIN: Die Pressestelle der Berliner Polizei teilte der Radio-Eins-Redaktion auf Anfrage mit, dass der Flüchtige seinen Wagen in der Nähe des Checkpoint Charlie stehen ließ und nun offenbar zu Fuß in der belebten Friedrichstraße unterwegs ist. Wiederum eine noble Einkaufsadresse. Neuere Informationen liegen uns leider noch nicht vor. Hörerinnen und Hörern, die uns in diesem Moment eingeschaltet haben und sich dort in der Nähe aufhalten, rät die Polizei, die Friedrichsstraße zu verlassen oder zumindest geschlossene Gebäude aufzusuchen.

REPORTER: Ist das denn klug – geschlossene Gebäude aufzusuchen ? Wenn der Täter nun in eines eindringt und Geiseln nimmt ?

MODERATORIN: Das steht hier so. Wir haben diese Aufforderung von der Leiterin der Pressestelle der Polizei bekommen.

REPORTER: Entschuldigen Sie. Dann ist die Maßnahme sicher gut durchdacht. Wir wissen ja auch gar nicht, ob der Verwirrte in ein Gebäude in der Friedrichstraße eindringen will. Sie und ich würden sicher einen kleinen Einkaufsbummel machen, wenn es uns dorthin verschlagen würde, aber dieser Mann tickt schließlich vollkommen anders als wir Normalbürger.

MODERATORIN: Sie sagen es. Inzwischen haben wir die Meldung hereinbekommen, dass es tatsächlich ein erstes Opfer im Zusammenhang mit dem Amoklauf, über den wir weiter berichten, zu beklagen gibt: Ein älterer Herr aus Friedenau erlitt vor Aufregung einen Kreislaufkollaps als der unbekannte Amokläufer mit Luftschüssen die Passanten vertreiben wollte. Der ältere Mann stürzte dabei so unglücklich, dass er wenig später im Krankenhaus verstarb. Daran sieht man, dass in einer alternden Gesellschaft kein direktes Gewehrkugelfeuer mehr nötig ist, um jemanden zu töten. Und das ist weder ein Grund zum Schmunzeln, noch zum Lachen.

REPORTER: Hier lacht auch keiner, Sylvie. Hier liegt eher eine ganz andere Stimmung in der Luft: Durchaus eine etwas andächtige Stimmung. Die rührt aber denke ich weniger von dem Getöteten her, schließlich verstarb er nicht hier auf dem Olivaer Platz. Es ist etwas anderes: Wir befinden uns eben doch in Berlin und nicht in Klein- Kleckersdorf. Da werden bei Schießereien auf öffentlichen Plätzen natürlich schnell Erinnerungen an unruhigere Zeiten wach ...

MODERATORIN: Es wäre aber hilfreicher für unsere Zuhörer, wenn wir den Blick wieder auf das tatsächliche Geschehen lenkten. Metaphysische Aspekte der Geschehnisse bei Ihnen in der West-Berliner City sollten wir außen vor lassen. Das ist wohl auch eher das Spezialgebiet der Boulevardmedien, die ja sicher ebenfalls bald bei Ihnen eintreffen werden ...

REPORTER: Die sind schon längst da. Eine Reporterin befragt gerade einen der Ladenbesitzer und ein Fotograf knippst die Scherben auf dem Bürgersteig.

MODERATORIN: Die Scheiben auf dem GEHsteig, ich verstehe. Um wieder auf den Täter zu kommen, man muss inzwischen leider sagen `Totschläger´: Handelt es sich Ihrem Eindruck nach um einen typischen Amokläufer ?

REPORTER: Wenn Sie mich so direkt fragen, sah der Mann für mich nicht wie jemand aus, der seine Zeit abends einsam im stillen Kämmerlein mit Ballerspielen vor dem Computer verbringt.

MODERATORIN: Und wenn er so aussähe. Was wäre daran bitte falsch ?

REPORTER: Er war einfach ein ganz anderer Typ, verstehen Sie ?

MODERATORIN: Nein, da müssen Sie schon etwas deutlicher werden.

REPORTER: Er machte auf mich eher den Eindruck eines ganzen Kerls.

MODERATORIN: Ach !

REPORTER: Nicht gerade ein Softie.

MODERATORIN: Jetzt hören Sie aber auf ! Ein Softie hätte jedenfalls kein Blutbad auf dem Kudamm angerichtet !

REPORTER: Der wäre gar nicht auf die Idee gekommen.

MODERATORIN: Und das ist auch gut so !

REPORTER: Sicher. Natürlich.

MODERATORIN: Gerd Meyer-Koch, wir wollen doch sachlich bleiben ...

REPORTER: Der Mann hat sich in der Wahl der Mittel vergriffen, klarer Fall.

MODERATORIN: Der hat RICHTIG danebengegriffen.

REPORTER: Keine Frage ! Aber es schien als hätte er irgendeine ureigene Mission, von der er sich durch niemanden abbringen ließ. So etwas gibt es heute kaum noch.

MODERATORIN: Na, zum Glück ! Aber ich komme langsam dahinter, was Sie eigentlich sagen wollen. Das haben Sie ja bereits vorhin andeutungsweise versucht, diese Vorgänge im ehemaligen West-Berlin als Reminiszenz an frühere Epochen dieses Landes zu interpretieren -mit mörderischen Straßenkämpfen und politischer Aktionskunst ... . Nur, dass wir mittlerweile überhaupt kein eigenes Land mehr haben, glücklicherweise. Wir sind schließlich längst aufgegangen in Europa.

REPORTER: Sagt ja niemand was dagegen. Wissen Sie: Es hatte ganz einfach den Anschein -Sie hätten das sicher ebenfalls gespürt, wenn Sie hier vor Ort bei mir wären-, dass der Mann gegen irgendetwas ankämpfte. Er blickte cool und routiniert drein, aber auch leicht entrückt. Als sei er gar nicht richtig bei uns, als sei er eigentlich in einer anderen Zeit. Und es war auch überhaupt nicht klar, gegen wen er kämpfte. Er nahm ja die Jugendlichen am Kudamm und hier die vereinzelten Passanten am Olivaerplatz gar nicht richtig wahr.

MODERATORIN: Der Olivaerplatz am Kuhdamm ist aber nun einmal der Olivaerplatz am Kuhdamm und nicht das Neandertal bei Mettmann, wenn Sie verstehen, was ich meine. Sie wollen doch bei uns im Radio Eins jetzt keine Diskussion darüber beginnen, wie sehr deutschen Männern der Verlust archaischer Urgewalt abgeht, oder ?

REPORTER: Dass ich nach wie vor auf Sendung bin, beweist mir ja, dass unsere Chefredakteurin meine Überlegungen nicht völlig uninteressant findet.

MODERATORIN: Na, wenn Sie sich da mal nicht irren: Dass Sie noch auf Sendung sind, liegt vor allem daran, dass wir von unserer Außenreporterin in der Friedrichstraße Jasmin Nadolny momentan nur ein verwackeltes Videobild ohne Ton ins Studio bekommen, womit wir beim Hörfunk naturgemäß leider nicht so viel anfangen können. Das hat vermutlich aktuell mit der Überlastung der Mobilnetze in diesem Bereich von Berlin-Mitte zu tun. Kein Wunder eigentlich, bei einem Amoklauf. Wenn dieser Verrückte einen solch hohen Testosteronspiegel hat, warum geht er den nicht mit Sport und Sex abbauen, wie Millionen andere Männer in diesem Land auch ?

REPORTER: Vielleicht, weil das Testosteron bereits bis in sein Hirn vorgedrungen ist ?

MODERATORIN: Nun hören Sie bitte auf, diesen mutmaßlichen Verbrecher zu idealisieren. Wir kennen ja seine Biografie nicht und können nur mutmaßen, dass er vermutlich etwas ausgefressen hat. Wenn er erst einmal gefasst sein wird, kommt seine Vorgeschichte auf den Tisch und dann stellt sich vermutlich heraus, dass wir es mit einem gewöhnlichen Kriminellen zu tun haben, der überhaupt nichts Besonderes ist. Ein Mann, der wie viele andere auch durchs soziale Netz gefallen ist oder vielleicht einfach nur sein Hartz IV kassiert.

REPORTER: Nein, das glaube ich nicht, dass dieser Mann sich vom Staat unterstützen lässt.

MODERATORIN: Was soll denn das schon wieder heißen ? Glauben Sie vielleicht, dass der Mann Geld vom Staat verschmähen würde ?

REPORTER: Als Individualist vielleicht, ja. Er ist schließlich ein Einzelgänger. Von Komplizen oder Mitläufern war hier jedenfalls nichts zu sehen. Was tut er jetzt ?

MODERATORIN: Machen wir jetzt weiter mit vertauschten Rollen ?

REPORTER: Ist doch vielleicht gar nicht so schlecht für die Zuhörer.

MODERATORIN: Ich weiß nicht ... . Vielleicht sollten wir lieber eine Musik spielen.

REPORTER: Genau das, was die Hörer jetzt von Ihnen erwarten.

MODERATORIN: Ich bekomme über Kopfhörer gerade das O.K. der Chefredakteurin. Wie war nochmal Ihre Frage ?

REPORTER: Was macht er jetzt ?

MODERATORIN: Er ist von der Friedrichstraße weg in die Behrenstraße gelaufen und steht jetzt vor ... warum wackelt das denn so ? ... das scheint ein Botschaftsgebäude zu sein. Ich erkenne ein Wappen: ein goldener Doppelkopfadler auf rotem Grund – Monaco ?

REPORTER: Nein, ich glaub das ist die russische Föderation. Ich bin mir direkt sicher.

MODERATORIN: Schon wieder ?

REPORTER: Tut mir leid.

MODERATORIN: Mit so was macht man keine Scherze, Herr Meyer-Koch. Meine Großmutter ist jetzt fünfundachzig und sie hat immer noch starke Vorbehalte gegenüber Russen.

REPORTER: Da kann ich doch nichts dafür.

MODERATORIN: Ausgerechnet die Russische Föderation ! Naja, nach seinem bisherigen Verhalten wundert es mich andererseits wieder nicht, wenn sich Ihr heimlicher Sympathieträger erneut als Ausländerfeind disqualifiziert.

REPORTER: Wieso ?

MODERATORIN: Na, als slavophob. Er zielt jetzt mit seinem Gewehr auf ein Fenster im ersten oder zweiten Stock. Da steht aber niemand dahinter, zum Glück. Jetzt lässt er die Waffe ganz langsam sinken und er ... das ist ja wirklich nicht zu fassen: Mit dem anderen Arm -er salutiert ...

REPORTER: Von wegen 'Ausländerfeind' !

MODERATORIN: ... so nennt man das doch wohl beim Militär, nicht ? Eine altmodische Ehrerbietung. Dazu fällt einem ja nichts mehr ein !

REPORTER: Eine Ehrerbietung vor dem Feind von gestern. Respekt vor einem ebenbürtigen Gegner, oder so. Der Mann sehnt sich offensichtlich nach der Zeit im kalten Krieg.

MODERATORIN: So kalt war der ja nun nicht ... aber endlich wird die Kamera etwas ruhiger.

REPORTER: Damals gab es noch einen Feind, den man ernst nehmen konnte. Einen diesseitigen Opponenten, mit dem man sich abseits der Kriegsschauplätze einen intelligenten Wettkampf um die bessere Weltanschauung lieferte. Kühl und nüchtern, ohne dabei gleich in die Luft zu gehen oder den Kopf zu verlieren.

MODERATORIN: Jetzt überhöhen sie den Mann schon wieder ...

REPORTER: Wenn er Anlass dafür bietet ... ! Warum sollte man da nicht ein bisschen spekulieren dürfen ?

MODERATORIN: Weil dafür keine Zeit ist. Hier überschlagen sich nämlich die Ereignisse: Von der Seite hat sich eine kleine Eingreiftruppe vom Bundesgrenzschutz genähert. Vier Beamte, wenn ich das richtig sehe. Drei halten den Verbrecher mit Kleingewehren in Schach und die Leiterin streckt ihm jetzt den Arm hin, damit er ihr seine Waffe geben kann. Eine sehr versöhnliche Geste, wie ich finde ...

REPORTER: Ich würde darauf lieber nicht hereinfallen.

MODERATORIN: ... fast symbolisch: Lass von der Gewalt ab und begib Dich in staatliche Obhut.

REPORTER: Hoffentlich tut er nichts Unüberlegtes !

MODERATORIN: Was meinen Sie damit ? Ach, das will ich lieber gar nicht wissen ! Die ausgestreckte helfende Hand einer Frau, die für unseren Staat steht -was kann er mehr erwarten, dieser kleine Ganove ?

REPORTER: Was macht er ?

MODERATORIN: Er schaut sie an. Sein Gewehr hält er weiterhin gesenkt. Er stellt also keine Gefahr dar. Die Beamten könnten ihn jetzt überwältigen, aber sie wollen offenbar, dass er ihnen freiwillig folgt.

REPORTER: Und ? Was tut er ?

MODERATORIN: Er wendet sein Gesicht nochmal ab von den Beamten. Die sind inzwischen bis auf ungefähr zwei Meter von der Seite an ihn herangekommen. Er schaut wieder Richtung russische Botschaft. Das Bild, das wir hier bekommen ist nicht besonders gut: Herangezoomt aus mindestens hundert Meter Entfernung ... . Was meinten Sie vorhin ? Er guckt entrückt ? Pathetisch ?

REPORTER: Das war mein Eindruck als ich ihn sah, ja.

MODERATORIN: Sie könnten recht haben. Der Mann hätte vielleicht lieber Schauspieler werden sollen statt Amokläufer. Eine Silhouette erscheint im Fenster der Botschaft. In dem, auf das der Wahnsinnige eben noch gezielt hat. Warum wackelt das Bild denn jetzt wieder ? Ich frage mich, warum immer noch kein ordentliches Kamerateam vor Ort ist.

REPORTER: Vielleicht, weil die Straßen abgesperrt wurden ?

MODERATORIN: Wenn er das Gewehr jetzt wieder anhebt, wo in einem der Fenster jemand zu sehen ist ... ein Mann, wenn ich das richtig erkenne. Er beobachtet den Täter. Ist er denn lebensmüde ?

REPORTER: Es ist ja nicht jeder ein Sicherheitsfanatiker.

MODERATORIN: Leichtsinnig! Die Beamtin hat nach wie vor den Arm ausgestreckt und spricht mit dem Gewalttäter. Ich kann hier natürlich nicht hören, was sie sagt aber ich nehme an, sie fordert den Mann auf, das Gewehr fallen zu lassen. Die anderen drei haben ihn im Visier. Er sollte sich besser den Sicherheitskräften anvertrauen.

REPORTER: Was tut er ?

MODERATORIN: Er dreht sich zur Beamtin und es sieht so aus, als wolle er ihr sein Gewehr geben. Als Beweis dafür, dass er nicht auf sie schießen will, hat er den Lauf auf sich selbst gerichtet. Vernünftig. Aber er hält das Gewehr so umständlich. Warum gibt er es ihr nicht einfach ? Ein Schuss – iiieh !

REPORTER: Was ist passiert ?

MODERATORIN: Er hat den Abzug gelöst und sich selbst erschossen. Mitten in die Brust. Er sinkt zu Boden und bricht zusammen. Also, wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass der Mann geistesgestört war ...

REPORTER: Er hat das Spiel beendet.

MODERATORIN: Er hätte sich nur in die Hände der Beamten zu begeben brauchen. Welch eine Tragödie – man hätte ihn doch sicher resozialisieren können. Der Justizsenator hätte sich garantiert für ihn eingesetzt oder sogar die Bürgermeisterin. Jetzt bekommen wir endlich ein sauberes Bild ...

REPORTER: Er hat seine Wahl getroffen. Haben Sie zufällig gesehen, ob er in dem Augenblick als er abdrückte gelächelt hat ?

MODERATORIN: Nein, habe ich nicht. Aber ich kann nur hoffen, dass die Geschehnisse hier wenigstens als abschreckendes Beispiel für viele Zuhörer dienen können. Man darf sein Leben nicht einfach wegwerfen, weil man mit der modernen Zeit nicht zurechtkommt oder mit unserem gerechten Staat mit seinen vielen, vielen Experten. Man kann sich immer helfen lassen.

REPORTER: Man muss es natürlich auch wollen.

MODERATORIN: Mit dieser etwas profanen Feststellung verabschiedet sich unser Reporter Gerd Meyer-Koch von Ihnen, meine Damen und Herren. Ich bedanke mich ebenfalls für´s Zuhören und gebe weiter an die Kollegin vom Fußball.

Download der Hörspiel-Vertonung von 2010: Hörspiel-Podcast
(Autorenproduktion)



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