moderne21 - Politik, Satire, Zivilgesellschaft

moderne21: Eine offene und verantwortungsvolle Plattform gegen die wachsende Staatsphobie



POLITISCHE AKTIONSKUNST

Handzahme Systemkritik

Bis vor kurzem galt die Politik- und Satireplattform moderne21 noch als aggressiv und unversöhnlich. Inzwischen geben sich ihre Aktivisten moderater. Und haben damit Erfolg.

Reichstagsgebäude in BerlinDie Macher von moderne21 betreuen von Berlin aus vier gesellschaftspolitische Projekte. Das ist deutlich weniger als die Nudging-Arbeitsgruppe der Bundesregierung oder die parteinahen Stiftungen anbieten und schlägt daher laut Initiator Hartmut Lühr lediglich „mit Kosten im Promillebereich entsprechender offizieller Budgets“ zu Buche. Was der Aktionskünstler verschweigt ist, dass der Grad der Selbstausbeutung seiner Mitstreiter, die allesamt der neu entstandenen `digitalen Bohéme´ zuzuordnen sind, sehr hoch sein dürfte. Möglicherweise macht aber auch die inhaltliche Konzentration auf besonders sinnbildliche Probleme moderner Gesellschaften - wie Entwurzelung und Gewalt - die Stärke der ausgewählten Projekte aus, die in erster Linie über Videos und öffentliche Diskussionen ihr Publikum finden.

Auf der Startseite des eigenen Internetauftritts heißt es bescheiden: „Wir geben jenen Fehlgeleiteten eine Stimme und ein wenig Halt, die fälschlicherweise meinen, sie würden von staatlichen Institutionen bevormundet, von Politikern übervorteilt oder von der Wirtschaft ausgebeutet.“ Das klingt wenig spektakulär aber möglicherweise lassen sich gerade mit diesem wenig subversiven und dafür umso gefühlsbetonteren Stil bereits verloren geglaubte desillusionierte Menschen für das System der parlamentarischen Demokratie zurückgewinnen.

Vor etwas mehr als einem Jahr hielt man bei moderne21 noch die Selbstbestimmung des Individuums als Ideal hoch und kritisierte im Rahmen der vier Projekte Wir-sind-wichtig, Wahlabsage, Dudelstopp und Gewalt-geht-immer Phänomene wie politische Denkverbote oder die Zunahme vorzivilisatorischer Verhaltensweisen im täglichen Leben.
Inzwischen hat man sich weiter entwickelt, hat sich der grundsätzlichen Kritik am Kapitalismus durch die maßgeblichen politischen Kräfte angeschlossen und mahnt folgerichtig einen kontinuierlichen Ausbau des Wohlfahrtsstaates an. Denn auch bei der Berliner Politikplattform hat man begriffen, dass Bestrebungen nach mehr individuellen Freiheiten durch den rapiden Abbau familiärer und sozialer Bindungen der Menschen immer mehr der Boden entzogen wird. Vor diesem Hintergrund an emanzipatorischen Zielen festzuhalten, hieße die Lebenswirklichkeit einer wachsenden Bevölkerungsmehrheit zu ignorieren und so das Unbehagen der durch ihren rasanten Wandel zutiefst verunsicherten Gesellschaft unnötig zu verstärken.

Die Aktivisten haben eingesehen, dass dem Staat wachsende Verantwortung für die Bürger zukommt, die - in die richtigen Bahnen gelenkt – möglicherweise sogar Zufriedenheit und Zuversicht bei den Menschen stärken kann.

Violare Humanum Est


Das Projekt Gewalt-geht-immer thematisiert unter dem Motto `violare humanum est´ den für Laien häufig paradox anmutenden offiziellen Umgang mit Gewaltkriminalität.Prekariatsaction à la 'moderne21' Die Ansicht, das Strafrecht wirke nicht abschreckend, weil immer mehr Gewaltverbrecher in Deutschland ohne gerichtliche Verurteilung davonkommen, ist tatsächlich weit verbreitet und nicht ganz von der Hand zu weisen.
Allzu oft wird hierbei allerdings übersehen, dass die Begleitumstände von Gewaltkriminalität unverzichtbare Voraussetzung für hochprofessionelle Berufszweige in Justiz, Sozialarbeit oder der Sicherheitsindustrie sind. Deren Interessen sind naturgemäß wesentlich besser organisiert als die zusammengeschlagener Jugendlicher oder vergewaltigter Frauen. Diesen Zusammenhang stellen die Aktionskünstler deutlich heraus.

Ihr Projekt steht keiner politischen Partei, keiner staatlichen Institution und noch nicht einmal einem großen Medienunternehmen nahe, weshalb sie kein Blatt vor den Mund nehmen müssen: „Es ist tragisch, dass Bürgerinnen und Bürger Gewaltkriminalität immer ohnmächtiger gegenüber stehen. Nicht selten begeben sich allerdings Menschen auch freiwillig in gefährliche Situationen, so dass leider oft von einer erheblichen Mitschuld der Verbrechensopfer gesprochen werden muss“, heißt es auf der Homepage des Projekts.
„Das scheinen maßgebliche Politiker tatsächlich so zu sehen. Ehrlich darüber sprechen können sie nicht, sonst würden sie das staatliche Gewaltmonopol in Frage stellen“, bedauert der Jurist und moderne21-Unterstützer Dr. Eberhard Klaschka.
Offenbar ist es zeitgemäß und zudem wichtig, den neuen Trend zur Kriminalisierung von Opfern schwerer Gewalttaten mit satirischen Mitteln aufzuzeigen. Gefährdeten Menschen kann auf diesem Wege verdeutlicht werden, welche Risiken sie mit übertrieben couragiertem oder einfach auch nur selbstbewusstem Verhalten eingehen, wenn sie mit aggressiven Tätern konfrontiert werden: Wegsehen oder Abhauen ist oft die gesündere Alternative.

Ausbleibende Friedhofsruhe


Das Projekt Dudelstopp beschäftigt sich mit Gratismusik im öffentlichen Raum. Zunächst polterte man unter dem Slogan `Musik ohne Zwang´ heftig gegen die Freunde kostenloser Hintergrundmusik und heimste damit zahlreiche Solidaritätsbekundungen überforderter Verbraucher ein. Mit Aussagen wie „unter einem wummernden Kophörer ist selten die Intelligenz, aber um so häufiger das ADS-Syndrom zu Hause“ wurde billiger Beifall eingeheimst. Einer differenzierten Betrachtung der komplizierten Problematik um Hintergrundmusik, die für viele die Lebensqualität erhöht und sie für wenige reduziert, war das alles eher hinderlich.

Wirtschaftslobbyistin im RegierungsviertelDie Stopper führten Musikkonserven-Attacken von Jugendlichen -beispielsweise im öffentlichen Nahverkehr- als Beleg für die Entzivilisierung junger Menschen an: Heranwachsende wüssten durch das immer häufigere Fehlen von Geschwistern oder Vätern in der typischen modernen Familie mit Werten wie `Rücksicht´ nichts mehr anzufangen. Aussagen dieser Art mussten ohne ausreichende wissenschaftliche Beweise haltlos bleiben und stießen verständlicherweise bei den Redakteurinnen der öffentlich-rechtlichen Massenmedien auf wenig Gegenliebe. Die Aktion drohte für die Öffentlichkeit in Vergessenheit zu geraten.

Gegen die viel zu einseitige Vorgehensweise der Dudelstopper wandte sich Dr. Sonja Peters aus München-Schwabing: „Es muss ein fairer Ausgleich zwischen den Interessen der Musikindustrie und den wenigen Menschen herbeigeführt werden, die ihre Freiheit durch umsonst bereitgestellte Unterhaltungsprodukte aus welchen Gründen auch immer eingeschränkt sehen.“ Mit dieser klaren Kampfansage gegen allzu platten Populismus auf dem Rücken der durch die negativen sozialpsychologischen Begleiteffekte des demografischen Wandels ohnehin schwer angeschlagenen Jugend setzte sich die smarte BWL-Dozentin aus Bayern durch und wird in Zukunft das Image von Dudelstopp weiter entradikalisieren. Peters´ neuer Slogan für das Projekt lautet „Wollen wir Friedhofsruhe ?“.

Politik oder Demokratie?


Das zunächst noch sehr populistisch angehauchte Projekt Wahlabsage setzte sich mit dem Nichtwählerphänomen auseinander. Unter der Devise „Mehr Demokratie, weniger Politik“, die sich gegen die wachsende Politikverdrossenheit richtete, politische Diskutantenerntete man zunächst einiges an Aufmerksamkeit. Dass bei der Behandlung des sensiblen Themas aber zum Teil auch falsche Töne angeschlagen wurden, merkte Politikwissenschaftlerin Uta Hanak spätestens als sie die Kommentare zum ersten Wahlabsage-Videoclipp im Internet las: „Wir wurden sehr hart angegangen. Neben einer Minderheit, die mit unserer Arbeit einverstanden war, bezog das Projekt verbale Prügel sowohl von Jungsozialisten als auch von jungen Deutschnationalen, die jeweils ihre politischen Vorstellungen durch Projekte wie unseres gefährdet sahen.“ Diese Schmähungen war sie nicht länger bereit zu dulden und setzte sich damit auch bei ihren Mitstreitern von moderne21 durch.
So wechselte das Projekt seinen Namen in Wahlzusage, um folgerichtig künftig für „Mehr Politik und weniger Demokratie“ einzutreten: „Eins von beiden geht leider nur, schon alleine wegen der Logik“, bedauert Hanak, die den Richtungswechsel bis heute verteidigt, auch wenn die Medien dem neuen Projekt bislang die kalte Schulter zeigen. Eine unvermeidliche Folge des Wechsels von schrillen hin zu verantwortungsvollen Darstellungsformen ?

Auf der Homepage heißt es: „Wenn einer Demokratie die Wähler ausgehen, droht über kurz oder lang die Anarchie – menschliches Miteinander ohne staatlichen Ordnungsfaktor kann jedoch kein vernünftiger Mensch ernsthaft befürworten.“
Die Aktivisten dürfen sich von Politikern wie Jörn Thießen (SPD) bestätigt sehen, die mittlerweile die Einführung der Wahlpflicht für die Bundesrepublik fordern.

Die Wirtschaft dankt


Der Name Wir-sind-wichtig des jüngsten Projekts beschreibt eine stark verbreitete Selbsteinschätzung moderner Individuen. Sich ihrer Einzigartigkeit bewusste und von Bindungszwängen weitestgehend befreite Menschen sind das Rückrad einer leistungsfähigen Wirtschaft und eines expandierenden Wohlfahrtsstaats. Bei der Kunstplattform moderne21 hat man die stetig wachsende Zahl durchökonomisierter Biografien, die den Anforderungen des kapitalistischen Marktsystems voll und ganz gerecht werden, bereits seit mehreren Jahren aufmerksam verfolgt und will die Millionen Einzelkämpfer mit dem neuen Projekt würdigen, ermutigen und trösten.

Internet-Skeptikerin Der ehemalige Musikmanager Ludwig Kamberlein, der das Projekt betreut, hält es für wichtig, dass die psychologischen Folgen des Wirkens mehrerer Generationen von Sozial- und Wirtschaftspolitikern sowie von Managern „endlich einmal im Rahmen einer ambitionierten und ungewöhnlich ehrlichen Projektreihe dokumentiert werden.“ Die Bürger bringen mittlerweile große private Opfer für das reibungslose Funktionieren von Wirtschaft und Sozialstaat, die noch vor wenigen Jahrzehnten undenkbar gewesen wären. In der Folge fühlen sie sich berechtigterweise einfach zu wichtig, um ihre Lebenskraft und ihre Kreativität für anfällige soziale Bindungen in Familie, Freundeskreis und Nachbarschaft drohendem Verschleiß auszusetzen. „Dass viele als Ausgleich für wachsende Einsamkeit auf Konsum und Selbstverwirklichung setzen, ist doch nur zu verständlich. Sollen wir ihnen ihren einzigen Trost etwa madig machen ?“, fragt Kamberlein und klingt dabei ehrlich bekümmert.

Zusätzliche Identitäten und riesige anonyme Freundschaftsnetzwerke im Internet sind im Kommen und nichts, weswegen moderne Individualisten sich schämen sollten. Die Menschen mögen früher lebenslange und verlässliche soziale Bindungen miteinander eingegangen sein – heute kann sich jeder mit seinen vielen Talenten überall wenn nicht ständig als Superstar so doch wenigstens als ewiger Geheimtipp im Netz oder in der kleinen Galerie nebenan fühlen. Die Macher von Wir-sind-wichtig interpretieren das als zivilisatorischen Fortschritt, den sie moralisch unterstützen wollen.

Und nun ?


Mit dem neuen moderaten Stil hat man bei moderne21 offenbar viel dazugelernt. Ob die Einsicht in frühere Fehler authentisch ist, innerer Überzeugung entspringt oder einfach nur Teil einer neuen Verwirrungsstrategie gegenüber der gutgläubigen Öffentlichkeit ist, muss sich erst noch herausstellen. Jedenfalls könnte es das demokratische Miteinander in der Bundesrepublik tatsächlich stärken, wenn es gelänge, ehemals unberechenbare Freigeister in offene Politik- und Kunstplattformen wie moderne21 einzubinden, damit sie sich dort an einer fruchtbaren öffentlichen Diskussion über die Zukunft der Gesellschaft beteiligen.
Tatsächlich scheint die Bindungskraft der parlamentarischen Demokratie in der Bundesrepublik größer als lange Zeit angenommen.

Der Beweis, dass die Akteure um Lühr nach früheren Misstönen tatsächlich geläutert ihrer Verantwortung als öffentliche Meinungsmacher gerecht werden, steht noch aus. Zunächst sollten sie einfach beim Wort genommen werden, wenn sie vorgeben, den konstruktiven Dialog mit den Mächtigen suchen und auf diese zugehen zu wollen, „um sie brüderlich zu umarmen“. Letzteres ist hoffentlich nicht doch als versteckte Drohung zu interpretieren.


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Hörspiel
'Staatsnah ... geht die Moderne stiften'
von Hartmut Lühr (Buch/Regie/Schnitt)
Die staatsnahe Stiftung 'moderne21' fördert jährlich eine zivilgesellschaftliche Initiative mit einer hohen Summe. Dieses Mal gibt es gleich vier Bewerber, die die Stiftungskuratoren vor eine schwere Wahl stellen: Um die Finanzspritze konkurrieren persönliche Vertreter der Initiativen `Dudelstopp´, `Gewalt-geht-immer´, `Wir-sind-wichtig´ und `Wahlzusage´. Wer streitet vor den Kuratoren am gewieftesten für seine Initiative ?
mit Manfred Callsen (Wessel),
Nadia Panknin (Schmidt-Peters),
Nina Ernst (Holpert-Mang),
Andreas Goebel (Opaschewsky),
Udo Wiegand (Klaschka),
Ninoschka Schlothauer (Goekdal).
54 Min. | 43 MB | DOWNLOAD / PLAY










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