Getrübte Einigkeit
- A u s s c h n i t t -
von H. Lühr
Ein unruhiger Raum, in den Straßenlärm und das Geräusch
langsam
stärker werdenden Regens dringen. Schritte sind hörbar.
TERRORISTIN Bitte halten Sie die Augen noch geschlossen
!
JOURNALISTIN Trotzdem gut, dass die Binde weg ist. Die hat Ihr Kollege
wirklich ein
bisschen sehr fest gezurrt !
Schritte entfernen sich. Eine schwere Tür wird geschlossen.
Ist er jetzt weg ? Sind wir alleine ?
TERRORISTIN Ja, aber die Augenbleiben bitte trotzdem
noch zu.
Sie könnten ihn durch das Fenster zum Hinterhof sehen. Er ist gleich
weg, haben Sie bitte noch einen Augenblick Geduld.
JOURNALISTIN Das kommt einem ja langsam vor, wie auf einem drittklassigen
Kinder-
geburtstag ! Naja, warten wir eben noch ein bisschen !
Stöhnt leicht erschöpft.
Der Typ roch aber ein wenig unangenehm, muss ich sagen.
TERRORISTIN Ach ja ? Ist wohl ungewohnt für Sie
? In Ihren Kreisen benutzen die
Herren der Schöpfung wahrscheinlich schon fast genauso viele Duft-
wässerchen, wie die Frauen, was ?
Dass sie dabei zu dem Duft auch gleich noch nach fortgeschrittener
Dekadenz riechen, dürfte für Sie ja wahrscheinlich kaum eine Rolle
spielen - Wenn Sie es überhaupt bemerken.
JOURNALISTIN Sagen Sie, kann ich meine Augen jetzt öffnen ? Dann
wäre ich end-
lich auch in der Lage, den Gerüchen die entsprechenden Personen
zuzuordnen.
TERRORISTIN Sie können.
JOURNALISTIN Das wurde aber auch langsam Zeit ! Aha, so sieht das
hier also aus !
TERRORISTIN Tja, hier wohne ich vorübergehend. Und
da drüben steht mein Bett.
JOURNALISTIN Und Sie sind wirklich zur Fahndung ausgeschrieben bei
Interpol ?
Das mag man ja gar nicht glauben, wenn man Sie so sieht !
TERRORISTIN An welchen äußerlichen Merkmalen
würden Sie denn den Grad der
Bereitschaft zur Violenz bei einer Frau festmachen ? Das würde
mich ja mal interessieren.
JOURNALISTIN Jetzt habe ich wohl tatsächlich einen voreiligen
Schluss gezogen - Ist
sonst gar nicht meine Art. Das muss an der ungewohnten Umgebung
liegen.
TERRORISTIN Schon möglich.
JOURNALISTIN Also, Ihren Unterschlupf haben Sie ja wirklich absolut
geheim gehal-
ten mit der Augenbinde und den vielen Umwegen und so.
Hoffentlich sind Sie nicht allzu sehr enttäuscht, wenn ich Ihnen hiermit
versichere, dass mir der Ort, an dem Sie sich mit Ihren Gesinnungs-
genossen versteckt halten, nahezu völlig gleichgültig ist.
TERRORISTIN Das kann mir ja nur recht sein. Absolute
Geheimhaltung war ja ohne-
hin die grundlegende Vorbedingung für Ihr Interview mit mir.
Wenn ich ehrlich sein soll, muss ich sagen, dass ich mich bis jetzt
noch wundere, wie eine Mitarbeiterin einer sonst so unkritischen
Frauenzeitschrift wie der Ihrigen über die entsprechenden Kontakte
verfügt, die es ihr ermöglichen, ein Interview mit einer der am
meisten
gesuchten politischen Aktivistinnen zu bekommen.
JOURNALISTIN Ist ja schließlich mein Beruf. Wir tun beide unsere
Arbeit.
TERRORISTIN schmunzelnd: Das stimmt wohl.
JOURNALISTIN Nur, dass IHRE ein bisschen blutiger ist als die meine.
TERRORISTIN Soll DAS jetzt etwa Ihre erste Frage sein
?
JOURNALISTIN Wollen Sie mir nicht antworten? Also, ich erlaube mir
festzustellen,
dass Sie auf Ihrem Weg einer angeblich besseren Gesellschaft ent-
gegen etwas viele Tote zurücklassen.
Und zwar nicht nur zahlenmäßig, sondern auch ethisch.
TERRORISTIN Na schön, es hat natürlich Opfer
gegeben. Politische Ideologien
müssen sich Ihren Weg in die Realität eben leider oft erst mit Bra-
chialgewalt erschließen, um in das Bewusstsein der schweigenden
Masse vorstoßen zu können.
JOURNALISTIN Also, das kann ich so aber nun wirklich nicht schreiben
!
Verstehen Sie mich bitte richtig: Auch wenn ich es überaus interes-
sant finde, am Rande der Legalität unter konspirativen Umständen
ein Interview mit Ihnen führen zu können, müssen wir beide
uns
trotzdem vor Augen halten, dass es ein Lifestyle-Magazin ist, für
das ich schreibe. Das gibt Ihnen ja schließlich immerhin auch die
Möglichkeit, über Ihren sonstigen Wirkungskreis hinaus Aufmerk-
samkeit zu erregen.
Für unsere Leserschaft sind die menschlichen Aspekte Ihres Han-
delns sicher interessanter als ideologische Statements.
TERRORISTIN Ach, tatsächlich?
JOURNALISTIN Ich kann mir z.B. gut vorstellen, dass während Ihrer
Aktionen zwischen
den Teilnehmern eine gewisse, vielleicht unterschwellig bestehende,
erotisch geladene Atmosphäre herrscht. Eventuell ja sogar zwischen
Ihnen und Ihren Opfern.
TERRORISTIN Das ist doch wohl nicht Ihr Ernst ?
JOURNALISTIN Sie müssten ja eigentlich auch ein besonderes Verhältnis
zu Ihren
Waffen haben; Zu Ihrem Revolver, den ich da auf Ihrem Nachttisch erspähe.
Überhaupt: Wo Sie doch sogar nachts damit rechnen müssen, von der
Staatsmacht gestellt zu werden, nehmen Sie Ihren kleinen Freund
sicher auch mit ins Bett, oder ?
TERRORISTIN `Meinen kleinen Freund´ - Wie kommen
Sie denn auf so etwas ?
JOURNALISTIN Für mich ist es bei meinen Recherchen wichtig, im
Hinterkopf zu
haben, dass ich für ein gut informiertes Publikum arbeite, welches vor
allem an Backroundinformationen interessiert ist. Und in diesem Be-
reich spielt selbstverständlich gerade die Sexualität eine bedeutende
Rolle.
TERRORISTIN Man kann Sie offenbar nicht davon abbringen.
JOURNALISTIN Ich kann Ihnen auch gleich sagen, dass ich in dieser
Hinsicht bis jetzt
von Ihnen etwas enttäuscht bin. Ich hätte nicht vermutet, dass man
bei
einer doch extrem progressiven Frau wie Ihnen auf derartig viel Ver-
drängung in diesem Bereich stoßen muss.
TERRORISTIN Ich erkenne überhaupt kein Konzept in
Ihren Fragen.
JOURNALISTIN Haben Sie jemals einen Menschen getötet ?
TERRORISTIN Sie meinen den Fall in Mainz ? Glauben Sie
bitte nicht, das mein Ge-
wissen unser Vorgehen damals ganz ohne Skrupel einfach gebilligt
hat. Ich bin auch heute noch immer nicht völlig darüber hinweg.
Andererseits hatte Breitenfells wirklich eine sehr herausragende
Stellung in der Sicherheit inne und er war sogar für damalige Ver-
hältnisse miserabel geschützt.
JOURNALISTIN Das war ja aber wirklich auch nur so ein typischer verschwitzt-fetter
Langweiler. Irgendwie ja fast direkt eine Erlösung für die Sinne,
dass
er weg ist.
Der Neue, sein Nachfolger, ist ja gleich auch viel hübscher. Zwar
augenscheinlich auch nicht mehr ganz der jüngste, aber er hat irgend-
wie das gewisse Etwas. Finden Sie nicht auch ?
TERRORISTIN Sagen Sie mal,ist das jetzt das neueste Kuriosum
auf dem spätkapi-
talistischen Arbeitsausbeutungsmarkt ? Sexistische Journalistinnen ?
Sie werden wirklich etwas unsachlich !
JOURNALISTIN Wer ist das dort auf dem Foto? Ist das Ihr Freund ?
TERRORISTIN Ja. Ich habe vergessen, es wegzustellen,
bevor Sie kamen. Ich wollte
eigentlich nicht, dass Sie es sehen.
JOURNALISTIN Ich wusste doch, dass Sie auch nicht ohne auskommen !
Worin besteht seine Aufgabe bei Ihren Aktionen ?
TERRORISTIN Ach, er hat überhaupt keine Aufgabe.
Ich möchte ihn soweit es geht
aus allem heraushalten. Er ist für diese Dinge nicht geeignet.
Es war schwierig genug, ihn überhaupt einzuweihen.
JOURNALISTIN Sieht eigentlich gar nicht so sensibel aus ! Sein Blick
wirkt eher sehr
entschlossen auf mich.
Den werden Sie doch hoffentlich nicht als Heimchen am Herd bei sich
zu Hause verschimmeln lassen !
Zutrauen würde ich es Ihnen - Nach allem, was Sie mir bis jetzt über
sich erzählt haben...
TERRORISTIN Wirklich sehr bedauerlich, dass ich Ihrer Kolumne
nicht sie heißblütige
Amazone darbieten kann, die Ihrer Auflage zu neuen Höhenflügen
verhelfen würde.
JOURNALISTIN Könnte ich nicht vielleicht doch einen Abzug von
diesem schnucke-
ligen Foto haben ?
Dieses Bild neben meinem Bericht würde eventuell mein Interview mit
Ihnen und Ihrem düsteren Weltbild etwas relativieren.
TERRORISTIN `Düsteres Weltbild´ - Sie haben
von mir doch noch gar nichts gehört
über mein Weltbild.
JOURNALISTIN Was Sie mir bis jetzt erzählt haben, reicht durchaus,
um ein vor dem
Konsum meines Interviews mit Ihnen durchaus noch tolerantes Publi-
kum zu verschrecken.
TERRORISTIN Das meinen Sie jetzt nicht wirklich, oder
?
JOURNALISTIN Um ein neugieriges Publikum zu ernüchtern, genau
das.
Meinen Sie vielleicht, Ihre lustfeindlichen Ansichten nimmt Ihnen eine
aufgeklärte und emanzipierte Leserschaft einer nach Kräften und
gegen den erklärten Willen des Verlagsvorstandes progressiven Frau-
enzeitschrift ab ?
Sie gehen überhaupt nicht auf meine Stichworte zur Sinnlichkeit in
linksterroristischen Kreisen ein - Ist Ihnen das nicht aufgefallen ?
TERRORISTIN Aber darum geht es doch auch überhaupt
nicht !
JOURNALISTIN Na, wenn Sie sich da mal nicht irren ! Durch den Kontakt
mit unseren
Leserinnen kann ich Ihnen jedenfalls eines verraten: Einer langweili-
gen, da politischen Interviewpartnerin gegenüber können die Frauen
nachsichtig sein; Nicht aber einer, die ihre elementaren körperlichen
Bedürfnisse als weiblicher Mensch wegleugnet und -heuchelt.
TERRORISTIN Sind Sie jetzt fertig ?
JOURNALISTIN Wahrscheinlich ist es besser, wir beenden unser Gespräch.
Ich weiß
sowieso nicht, wie ich dieses Interview eigentlich verkaufen soll.
Was mir aber vielleicht ja doch an Ihnen imponiert: Wie Sie trotz
dieses ganzen Ideologie-Nonsens Ihren netten Freund halten können.
Da muss doch einfach noch mehr im Spiel sein. Darüber hätten wir
reden sollen; Das hätte unsere Leserinnen sicher interessiert.
TERRORISTIN Unser Kampf richtet sich auch gegen die fortwährende
Unterdrückung der Frauen.
JOURNALISTIN Welche Unterdrückung? Habe ich jetzt etwas nicht
mitbekommen ?
TERRORISTIN Haben Sie überhaupt etwas mitbekommen
?
JOURNALISTIN Weiß Ihr Freund eigentlich von diesem Interview
? Gefällt es ihm
vielleicht, seine Partnerin hunderttausendfach vervielfältigt in einem
modernen Magazin zu sehen ? Ist es etwas in dieser Richtung ?
TERRORISTIN Benny hätte mit Sicherheit kein Verständnis
für die Art Ihrer Fragen
gehabt. Wenn er auch ideologisch nicht völlig mit mir übereinstimmt,
so kann er doch amateurhafte Provinzschreiberlinge von engagierten
Journalistinnen unterscheiden.
JOURNALISTIN Benny ist ja mal ein niedlicher Name für so einen
netten Mann !
Gefällt mir.
Glauben Sie jetzt bitte bloß nicht, ich hätte Ihre beleidigenden
Worte
über meinen Berufsstand eben nicht vernommen oder wüsste sie nicht
zu würdigen ! Ich habe mich sowieso schon die ganze Zeit über ge-
fragt, wann Sie endlich Ihren Frust darüber artikulieren, dass es durch-
aus Frauen gibt, die sich Geltung auch mit staatstragenden Tätigkeiten
verschaffen und auf das letzte verzweifelte Mittel Terror getrost ver-
zichten können.
Ich hätte allerdings erwartet, dass Sie dieses dezenter tun würden.
TERRORISTIN Wie konnte ich mich bloß auf ein Treffen
mit Ihnen einlassen ?
Sie machen mir beinahe mehr Angst als der Staatsanwalt.
JOURNALISTIN amüsiert: Oh, komme ich jetzt auf Ihre schwarze
Liste ?
TERRORISTIN ebenfalls lockerer: Na, in der
Gesellschaft all der illustren Namen
auf unseren Listen würden Sie sich sicher sehr gut aufgehoben fühlen!
JOURNALISTIN Unterschätzen Sie mich bitte nicht ! Gerade in meinem
Beruf lernt man
schnell, SCHEINEN von SEIN zu unterscheiden.
Das ist auch der Grund dafür, warum ich Sie jetzt bitten möchte,wieder
einen Ihrer Kollegen hereinzuholen, damit er mir dann noch einmal
wie vorhin diese dämliche Augenbinde umlegen kann, die Ihnen die
Geheimhaltung Ihrer ja wirklich nicht gerade verschwenderisch einge-
richteten Unterkunft garantiert.
TERRORISTIN Schließen Sie die Augen !
Sie geht zu der schweren Tür und öffnet sie.
Schritte nähern sich aus einem benachbarten Raum.
JOURNALISTIN Ist das jetzt wenigstens Ihr aparter Freund ?
TERRORISTIN Natürlich nicht !
JOURNALISTIN Was für ein Tag !
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