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KULTUR
Wollen wir Friedhofsruhe ?
Eine Handvoll Initiativen fordert neuerdings die Einschränkung oder das Verbot kostenlos bereitgestellter Musik im öffentlichen Raum. Bedenken diese Profilneurotiker und Sonderlinge eigentlich die Folgen ihres Tuns ? Wie würde eine Welt aussehen, in der Musik nur noch im Einvernehmen aller Anwesenden erklingen dürfte ?
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POLITIK
Mehr Politik, weniger Demokratie
Bereits seit Jahren machen immer weniger Bürger von ihrem demokratischen Wahlrecht Gebrauch. Das ist etwas undankbar. Als Argument wird häufig angeführt, zu viele Politiker würden mit ihrem Tun und selbst mit ihrem Nichtstun Menschen schaden, ihnen die Unwahrheit sagen oder sie sogar finanziell übervorteilen. Trifft das zu oder ist es nur üble Nachrede ?
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ÖKONOMIE
Die Wirtschaft dankt
Immer mehr Menschen treten wegen ihrer Unentbehrlichkeit in Beruf, Freizeit und Internet in ihrem
Sozialleben kürzer. Sie bringen große Opfer für das Funktionieren der Wirtschaft und damit das Gemeinwohl. Der daraus häufig resultierende Verzicht auf Familienleben und Geselligkeit ist kein Pappenstiel. Ihm zollen Vertreter der Wirtschaft jetzt endlich Respekt.
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KRIMINALITÄT
Violare humanum est
Der Umgang mit Gewaltkriminalität durch Polizei, Justiz und Innenpolitik ist vorbildlich und wird von den Bürgern mit großem Vertrauen belohnt. Gewalt ist ein natürlicher Teil der sozialen Ordnung – ohne sie käme es zu Anarchie. Verantwortungsbewusste Frauen und Männer sollten sich künftig in brenzligen Situationen zurückhalten.
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| ZIVILGESELLSCHAFTLICHE PROJEKTE UNTER DEM DACH VON moderne21:
ANITA PUPPE, LARS MÖHRING, EVA MATH, CARL VON HOLLEN, BENJAMIN KRAUSE, INGRID GOKELER, DIRK EYKENBOOM, NADJA GROTEFENDT, ANTHONY KRAUSKOPF, VERA GÖPFERT, CHRISTOPH DROBIG, BENJAMIN HIRT, LORENA MANZ, JOSEF GEREGA, MALAH HELMAN, ALICE GRINDA, MARCO AMMER, NADIA PANKNIN, BJÖRN ROTH, JUDITH BAREIß, CEM ATALAY, KATHARINA GEBHARDT, INGMAR SKRINJAR.
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GERECHTIGKEIT
Diskussion um den 'Berliner Mehrwert'
Was hat es mit dem Schlagwort des 'Berliner Mehrwerts' auf sich, das gegenwärtig in Feuilletons und politischen Kommentaren die Runde macht ? Dem mit diesem sarkastischen Begriff einhergehenden Vorwurf, den Hauptstädtern ginge es – da sie faktisch 'mehr Wert' seien - auf Kosten der restlichen Bundesrepublik finanziell zu gut, widmet sich demnächst unser Projekt 'Wir-sind-wichtig'.
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V-MÄNNER
Über das Ziel hinausgeschossen
Neben einer großen Anzahl wunderbarer menschlicher Eigen-schaften zeichnet sich der Berliner Provokationskünstler Leo Greller auch dadurch aus, in politischen Zusammenhängen lediglich über ein unterdurchschnittlich ausgeprägtes Gefühl für das rechte Maß zu Verfügen: Er ist eben im positiven Sinne fanatisch, denn zum Glück steht er auf der Seite des Staates.
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AUSSTEIGER
Im ersten Anlauf gescheitert
Im nordöstlichen Brandenburg wollte die Germanistikstudentin Vera Warkentin zusammen mit rund einem Dutzend anderer alternativer Aussteiger ihre Idee eines freien, autonomen und gerechten Lebens verwirklichen. Sie hatte allerdings nicht damit gerechnet, dass 'Mutter Staat' solcherlei potentiell gefährliche Vorhaben auf keinen Fall erlauben kann.
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ANACHRONISMUS
Schmerz statt Kommerz
Dass es auf Berlins Straßen ein wenig ruppiger zugeht als anderswo, ist gemeinhin bekannt und wird beispielsweise am 1. Mai sogar eher zu den Aktivposten der Hauptstadt gezählt. Doch was ein Mann mittleren Alters sich kürzlich an politisch motivierter Gewalt am Ku´damm erlaubt hat, geht eindeutig zu weit ... André Huber berichtet für den RBB sowie moderne21.
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SCHWERPUNKT-LINKS
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MEDIEN
Inoffizielles Hörspiel zum Unwort des Jahres
Aktueller geht´s nicht: Das inoffizielle Hörspiel zum Unwort des Jahres 2009 'Betriebsratsverseucht' heißt 'Gehobene Narren-freiheit' und wurde bereits 1996 von Hartmut Lühr mit Constanze Köpp, Carsten Kölln und anderen realisiert. Es handelt vom schwierigen Verhältnis zwischen dem Direktor einer Autofirma und seinen Betriebsräten.
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KUNST
Politische Farbenlehre spielt kaum eine Rolle
Filmproduzent Sven Wegner und Politaktivist Patrique Stach diskutierten über die Frage, ob politische Aktionskunst in den letzten Jahren zu `handzahm´ geworden ist. Dass sich mit der neuen schwarzgelben Bundesregierung die Bedingungen für Satire und künstlerische Kritik an gesellschaftlichen Misständen ebenfalls verändert hätten, wurde mehrheitlich verneint.
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EMANZIPATION
Einmalige Chance blieb ungenutzt
Einer der sehr seltenen Interviewtermine mit der Macherin der 'drei Fragezeichen' und 'TKKG' bot die Möglichkeit, die Powerfrau nach ihren Rezepten für das Überleben in einer von Männern beherrschten Medienwelt zu befragen. Das Hamburger Hörspieler-Magazin stellte Heikedine Körting leider die falschen Fragen und ließ eine große Chance ungenutzt verstreichen.
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INDIVIDUALISIERUNG
Konsum als Kitt für Beziehung unzulänglich
Ein gelangweiltes Ehepaar besucht eine Einkaufspassage. Sie und er haben sich gegenseitig nicht mehr viel zu sagen - ein Bettler, der vor einem der Konsumtempel `Stellung´ bezogen hat, ihnen dafür um so mehr. Ob die beiden in der Lage sind, die Einwürfe des unverklärt aufrichtigen Mannes konstruktiv für sich selbst zu nutzen ?
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"Eine Partei gegen Arschlöcher hätte beim Wahlvolk doch gar keine Chance." (Projekt WAHLZUSAGE)
"Manchen Menschen scheinen ihre Lebenslügen wirklich verdammt viel fremdes Geld wert zu sein." (Projekt DUDELSTOPP)
"Wenn man nicht berühmt ist, lebt man trotzdem. Die Körperfunktionen setzen nicht aus." (Projekt WIR-SIND-WICHTIG)
"Man kommt sich in Deutschland vor, wie in einem Entwicklungsland." (Projekt GEWALT-GEHT-IMMER)
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LÄNDERFINANZAUSGLEICH
Diskussion über den 'Berliner Mehrwert'
Was hat es mit dem Schlagwort des 'Berliner Mehrwerts' auf sich, das gegenwärtig in Feuilletons und politischen Kommentaren die Runde macht ? Dem mit diesem sarkastischen Begriff einhergehenden Vorwurf, den Hauptstädtern ginge es – da sie faktisch 'mehr Wert' seien - auf Kosten der restlichen Republik finanziell zu gut, widmet sich eine neue Initiative des Projekts 'Wir-sind-wichtig'.
Seit einiger Zeit ist der sogenannte 'Berliner Mehrwert' Gegenstand der Diskussion um Verteilungsgerechtigkeit in der Bundesrepublik. Es wird suggeriert, die Hauptstädter seien dank der für die Spree-Metropole segensreichen Auswirkungen des Länderfinanzausgleichs de facto 'mehr wert' als Bürgerinnen und Bürger in anderen Teilen der Republik, die die Wohltaten für Berlin mit Steuergeldern finanzieren müssen. Die Initiative 'Wir-sind-wichtig' hält den Unmut über die vermeintliche Privilegierung der Hauptstädter für ungerechtfertigt, plädiert aber dennoch dafür, mögliche Konflikte beim Namen zu nennen und intelligent zu moderieren, damit sie eines Tages nicht eskalieren.
Die gesellschaftliche Vorreiterrolle Berlins ist durch die Konzentration postmoderner Lebensstile in der Hauptstadt besonders augenfällig: Die Angleichung der Geschlechter sowie die endgültige Überwindung traditioneller Familienstrukturen bringen die Metropolenbewohner einerseits zwar der angestrebten weitestgehenden Selbstverwirklichung näher, sie verlangen ihnen andererseits jedoch auch nicht zu unterschätzende Opfer ab, was Lebensfreude, Gesundheit und nachhaltige soziale Bindungen anbelangt. Als Ausgleich hierfür ist es gerechtfertigt, dass die Hauptstädter weniger hart für ihren Wohlstand arbeiten müssen als Bürger in anderen Teilen der Republik. Um den gesellschaftspolitischen Pionierstatus Berlins weiterhin sicherzustellen, ist es darüber hinaus sogar überlegenswert, die ökonomische Unterstützung durch die anderen Bundesländer, die früher oder später allesamt von den Erfahrungen der Spreemetropole profitieren werden, weiter auszubauen.
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UTOPIE
Im ersten Anlauf gescheitert
Im nordöstlichen Brandenburg wollte die Germanistikstudentin Vera Warkentin zusammen mit rund einem Dutzend anderer alternativer Aussteiger ihre Idee eines freien, autonomen und gerechten Lebens verwirklichen. Sie hatte allerdings nicht damit gerechnet, dass 'Mutter Staat' solcherlei potentiell gefährliche Vorhaben auf keinen Fall erlauben kann.
Aus Warkentins Tagebuch: "Gut Sonnenschein – das klingt ziemlich kitschig. Aber es war alles andere als. Für einige von uns war es ein neuer Beginn, für andere eine letzte Chance: Ein von uns sanierter Bauernhof im nördlichen Brandenburg, auf dem knapp zwanzig ehemalige Bürger der Bananenrepublik Deutschland in Freiheit und Selbstbestimmung leben wollten. Das konnte ja nur schiefgehen - aber zumindest deutlich länger hätte es andauern können, unser kleines autonomes Glück, wenn nicht die Staazis jemanden bei uns eingeschleust hätten, der uns über Monate bespitzelte, ohne dass wir es merkten. Wir hätten ahnen müssen, dass sie uns das nicht erlauben würden. Dass sie auch nicht einen winzigen freien Flecken in Deutschland zulassen dürften, der sich ihren Machenschaften entzieht: Keine Steuern, keine Paragraphen, keine Unmündigkeit. Eine Trutzburg, die sich gegen moderne Wegelagerei und Raubrittertum verteidigt. Das Landleben ist für so etwas wie geschaffen.
Aber wie konnten wir so naiv sein zu glauben, dass sie uns das dauerhaft durchgehen lassen würden ? Es war doch klar, dass wenn unser Beispiel sich herumgesprochen hätte, wir eine Riesengefahr für ihr System geworden wären: Das sind einfach No-Gos, dass selbstbestimmt lebende Menschen grundsätzlich miteinander auskommen können und sich nicht beim ersten Aufkeimen von Problemen gegenseitig zerfleischen wie Wölfe – 'violare humanum est' ... dass, wer nur für die eigene Familie und die nähere Gemeinschaft arbeitet und darüber hinaus nichts an Unbekannte abgeben muss, viel besser lebt und ungleich mehr Vertrauen in sich selbst und in die Zukunft hat ... dass Gewalt und Kriminalität kaum eine Chance haben, wo nicht eine anonyme Verwaltung vorgibt, die ursächlichen Probleme zu bekämpfen, sondern wo die Menschen gegenseitig Verantwortung für sich tragen ..."
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MEDIENPOLITIK
Verantwortungsvolle Berichterstattung
Durch die Teilnahme an politischen Wahlen legitimieren die Bürger gleichzeitig die maßgeblichen Entscheidungsträger in den Rundfunkräten der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten und beinflussen so indirekt auch die weltanschauliche Ausrichtung der jeweiligen Programmgestaltung. Da alle relevanten politischen Parteien und auch die übrigen Interessenverbände sich moderne zivilisatorische Standards wie Gender-Mainstreaming, Gleichstellung und Quotierung zu eigen gemacht haben, ist ein verantwortungsvoller Umgang der Medien mit Informationen aller Art sichergestellt. Am Beispiel einer fiktiven Radioreportage über einen politisch motivierten Amoklauf in der Berliner Innenstadt wird deutlich, wie wichtig seriös berichtende Medien für eine korrekt in Kenntnis gesetzte Öffentlichkeit sind.
Gerade bei Themen mit Reißer-Potential, wie z.B. Messerattacken oder Amokläufen, ist es wichtig, dass die Berichterstattung nicht der Versuchung erliegt, zugunsten guter Verkaufszahlen oder hoher Einschaltquoten moderne ethische Normen im Journalismus und wissenschaftliche Erkenntnisse der jüngeren Kriminologie außer acht zu lassen. Nur in sehr wenigen Fällen wollen Messerstecher und Amokläufer ihre Opfer tatsächlich töten. Oft ist es vielmehr so, dass eskalierende situative Bedingungen zur Verschärfung der Situation beitragen, die dann schnell außer Kontrolle geraten kann. So fühlen sich Gewalttäter oft in ihrer Autorität verletzt und reagieren daher impulsiv, wenn sie sich beispielsweise mit unerwarteter Gegenwehr von Opfern oder übertrieben zivilcouragierten Unbeteiligten konfrontiert sehen. Die bundesdeutsche Justiz ist hier dank politischer Rückendeckung bereits einen Schritt weiter als die oft sehr ungestüme und aufgehetzte Öffentlichkeit. Deshalb erkennen Richter nur in den allerseltensten Fällen eine bewiesene Tötungsabsicht bei schweren Gewalttätern an und ahnden Fälle sogenannter Notwehrüberschreitung von Opferseite konsequent mit hohen Strafen.
Um auch weiter eine verantwortliche Berichterstattung in den öffentlich-rechtlich kontrollierten elektronischen Massenmedien, wie ARD, ZDF oder die deutsche Welle, zu gewährleisten, sind die Bürgerinnen und Bürger dazu aufgerufen, über ihre Teilnahme an politischen Wahlen die etablierten Parteien zu stärken und damit auch das gegenwärtige Erscheinungsbild der staatstragenden Sender zu legitimieren und gegen ungerechtfertigte Kritik verteidigen zu helfen. |
ANACHRONISMUS
Schmerz statt Kommerz
Kritiker zweifeln regelmäßig die inhaltliche Ausgewogenheit der öffentlich-rechtlichen Massenmedien an: Da deren Aufsichtsgremien seit Jahrzehnten direkt und indirekt von Vertretern der politischen Parteien sowie anderer durchsetzungsstarker Interessengruppen dominiert würden, bliebe welt-anschauliche Neutralität in den Fernseh- und Hörfunkbeiträgen ein frommer Wunsch, so die verbreitete Meinung unabhängiger Beobachter. Der Soziologe und Satiriker Hartmut Lühr ist allerdings anderer Auffassung und nutzt sein neues Hörspiel 'Gewalt geht immer', um eine Lanze für die verantwortungsbewusste Berichterstattung namentlich des RBB zu brechen.
In dem Stück verübt ein geistig verwirrter Gewalttäter auf dem Olivaer Platz in Charlottenburg Attacken gegen unbeteiligte Passanten und Gegenstände. Seine Motivation scheint aus einem Hang zu verklärter Nostalgie gegenüber den vermeintlich klar umrissenen Feindbildern aus der Zeit des 'kalten Krieges' herzurühren. Dies würde jedenfalls erklären, warum er es vor allem auf russische Opfer abgesehen hat.
Da das Medium 'Hörspiel' nur bedingt zur farbenfrohen Schilderung extremer Gewalt á la 'Tatort' oder 'Quentin Tarantino' geeignet ist, behilft sich der Autor mit dem Einsatz einer zusätzlichen Erzählebene mit einer Radiomoderatorin und einem Reporter eines fiktiven Hörfunkmagazins. Die beiden Figuren bilden zwei Gegenpole in der Bewertung des Geschehens: Der Reporter lässt im Verlauf des Dramas vor Ort zunehmend Sympathien für den antiquiert erscheinenden Einzelkämpfer durchblicken, während die Moderatorin im Studio mit kühlem Kopf die staatlich propagierte Haltung für den Umgang mit Gewaltkriminalität sowie die Ablehnung tradierten männlichen Rollenverhaltens vertritt.
Würde das Hörspiel 'Gewalt geht immer' im Programm des RBB vorgestellt, könnte dies als Selbstbeweihräucherung missverstanden werden. Daher präsentiert der Autor Lühr den ca. 20minütigen ersten Teil am 13.05. ab 20 Uhr im 'Kunsthaus Tacheles' (Goldener Saal, Oranienburgerstraße 54-56a, 10117 Berlin) mit anschließender Diskussion. Der Eintritt ist frei. |
WINTER 2010
Von Suff bis Datenmuff
Die Gesellschaft schien entzweit bei der Beurteilung der Alkoholfahrt von Margot Käßmann, der Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), bei der die Hannoveranerin dem Vernehmen nach eine rote Ampel überfuhr und als Konsequenz von bei ihr festgestellter 1,54 % Blutalkoholkonzentration freiwillig von ihren Ämtern zurücktrat.
Die kulturell hochwertige Sendereihe 'Deutschland sucht den Superstar', kurz DSDS, steht nach wie vor in der Beliebtheitsskala junger Fernsehzuschauer weit oben und lässt sich, was die gemessene Aufmerksamkeit anbelangt, allenfalls vom nach wie vor wachsenden Web 2.0 auf die Ränge verweisen. Trotz nicht übertrieben verbraucherfreundlich anmutender Bestimmungen in den AGBs von facebook hält der Ansturm auf Profile bei diesem sozialen Netzwerk an. Daneben bestimmen die Videoplattform Youtube und das online-Auktionshaus ebay etwas weniger die öffentliche Debatte. Lediglich um den neuen Service 'google street view', bei dem man weltweite Aufnahmen von gespeicherten Straßenzügen betrachten kann, wurde zwischen Datenschützern und Wirtschaftsfreunden heftig diskutiert. Immerhin stellte das Verfassungsgericht inzwischen fest, dass die Vorratsdatenspeicherung gegen das deutsche Grundgesetz verstößt und bislang gespeicherte Daten 'unverzüglich' gelöscht werden müssen.
Das weltberümte Berliner 'Kunsthaus Tacheles', das in den letzten 20 Jahren zahlreichen alternativen Projekten eine Heimat und ein Dach überm Kopf bot, steht möglicherweise vor dem Aus, da die vor allem durch die Finanzkrise bekannt gewordene HSH-Nordbank dem Vernehmen nach das Grundstücksareal zwangsversteigern lassen will. Dies würde das Aus für viele freie Künstler wie Alexander Rodin und unabhängige Kunstplattformen wie moderne21 bedeuten. Aber als Trost würden nach der Zwangsversteigerung voraussichtlich Neubebauungen des Areals mit Hotels, Geschäften und Appartments den kreativen Verlust für die Hauptstadt versüßen. |
KUNST UNTER SCHWARZGELB
Politische Farbenlehre spielt kaum eine Rolle
Im Berliner 'Kunsthaus Tacheles' diskutierten Filmproduzent Sven Wegner und Politaktivist Patrique Stach mit dem Mediensoziologen Hartmut Lühr die Frage, ob politische Aktionskunst in den letzten Jahren zu `handzahm´ geworden ist. Die Antwort fiel uneinheitlich aus. Dass sich mit der neuen schwarzgelben Bundesregierung die Bedingungen für künstlerische Kritik an gesellschaftlichen Misständen ebenfalls verändert hätten, wurde hingegen mehrheitlich verneint.
Wegner, der zuletzt mit dem Webisode-Projekt Prenzlbasher auf MySpace gegen das neue Spießertum im einstigen Berliner Avantgarde-Stadtteil Prenzlauer Berg zu Felde zog, räumte ein, dass man sich insbesondere im Internet den modernen Sehgewohnheiten der Netzgemeinde ein gutes Stück anpassen müsse, wenn man gegen die überwältigende Konkurrenz gänzlich unpolitischer Spaßvideos bestehen wolle. Subtilität als Stilmittel sei in der Konkurrenz mit den Sidos und Lemmys leider nicht das Mittel der Wahl, wenn man möglichst viele Zuschauer erreichen wolle. Dennoch seien eine Reihe von Medienprofis, wie z.B. der RBB und auch Teile der Berliner CDU, zunächst auf die satirischen Attacken gegen Windhundebesitzer, Doppelkinderwagen-Schieberinnen und Exil-Schwaben hereingefallen.
Die ideologische Färbung der jeweils amtierenden Bundesregierung spielt nach Patrique Stach vom Projekt Bleib passiv für politische Aktionskunst kaum eine Rolle. Zwar erwarte er, dass nach den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen "noch einige Masken fallen werden", er empfinde die Frage nach den jeweils dominanten Parteien und Politikern innerhalb der gegenwärtigen Machtstrukturen in der Bundesrepublik jedoch als nachrangig und nahezu beliebig. Seine Arbeit im eher basisdemokratisch ausgerichteten Projekt 'Bleib passiv' ziele in erster Linie darauf ab, Menschen auf den permanenten Konsumdruck und andere Ablenkungsmanöver der herrschenden Klasse aufmerksam zu machen, die eine demokratischere Gesellschaft verhinderten.
Hartmut Lühr von der Satireplattform moderne21 stimmte sowohl mit Patrique Stach als auch mit Sven Wegner darin überein, dass für die Zukunft unter Schwarzgelb kein Mangel an wichtigen Themen für politische Aktionskunst zu befürchten sei.
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NICHTWÄHLER
Hohe Wahlbeteiligung wünschenswert
Bei einer Podiumsdiskussion im Berliner 'Kunsthaus Tacheles' anlässlich der nahenden Bundestagswahl herrschte unter Vertretern der Oppositionsparteien, wenn auch mit sehr unterschiedlichen Begründungen, Einigkeit darüber, dass eine hohe Wahlbeteiligung für das politische System sehr wünschenswert sei.
Der Landesvorsitzende der Berliner BündnisGRÜNEN Stefan Gelbhaar erinnerte daran, dass für das Recht, demokratisch wählen zu dürfen, Menschen weltweit ihr Leben riskierten und in Deutschland vor gerade einmal zwanzig Jahren ebenfalls viele Bürgerinnen und Bürger große Gefahren auf sich genommen hätten. Daher bezeichnete er das aktive Wahlrecht als ein besonders wertvolles Bürgerrecht, eine Pflicht zum Wählen schloss er hingegen aus. Abnehmende Wahlbeteiligungen seien kein zwingendes Indiz für Politikzustimmung oder alternativ für Politikverdrossenheit, sie zeugten eher von zunehmender Politikferne. Natürlich schauten viele Bürgerinnen und Bürger auch über den `Tellerrand´. Sie wüssten die durchaus ernsthafte Finanz- und Umweltkrise in Deutschland im Vergleich mit den häufig leider schlimmeren Verhältnissen wie etwa der Hungerkrise in vielen Entwicklungsländern einzustufen. (...)
Peter Schantz, der für die Berliner FDP für den Bundestag kandidiert, meinte zwar, dass man an der sinkenden Beteiligung an Wahlen in der Bundesrepublik durchaus eine Entfremdung zwischen der Politik und den Wählern festmachen könne. Andererseits verwies er auf Länder wie die USA, die trotz allgemein recht niedriger Wahlbeteiligungen durch eine vergleichsweise hohe Zufriedenheit mit dem politischen System gekennzeichnet seien. Wie die Vereinigten Staaten kürzlich gezeigt hätten, sei dort im Falle politischen Wandels auch eine kurzfristige Mobilisierung ehemals uninteressierter Menschen möglich, sich in das demokratische Geschehen einzubinden. Dies wäre unter ähnlichen Umständen auch in Deutschland vorstellbar.
Willi Wende, Direktkandidat des WILLI-WEISE-Projekts, das Politik ohne Parteien voranbringen will, vertrat die Meinung, dass sich viele Politiker niedrige Wahlbeteiligungen als negatives Feedback der Bürger selbst zuzuschreiben hätten. Als Beispiel für berechtigten Unmut nannte er das zu erwartende 'Durchboxen' des die Kennzeichnungspflicht für Lebensmittel schmälernden Codex Alimentarius durch den Bundestag nach den nächsten Wahlen. Somit hätten Menschen immer wieder das Gefühl, die Politik würde gegen ihre Interessen arbeiten. Dies könne jedoch durch mehr Elemente direkter Demokratie verhindert werden. Hartmut Lühr vom satirischen Projekt WAHLZUSAGE vertrat die Auffassung, dass die Bürger auf jeden Fall wählen gehen sollten. Die etablierten Parteien stünden mittlerweile erfreulicherweise alle für Umverteilung, Gleichstellung und Neuverschuldung, weshalb man sich guten Gewissens wenn nicht für die Partei seines Vertrauens, so doch wenigstens für das kleinste Übel entscheiden könne.
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VORGESCHICHTE
Der Mann im Hintergrund
Über Hartmut Lühr, den Initiator der Kunst- und Politikplattform moderne21, erfährt man im Portrait "Hamburg, Hörspiel und gehobene Narrenfreiheit" von seinem Wegbegleiter Ludwig 'Ludo' Kamberlein mehr.
[...] Für die freie Politik- und Kunstplattform moderne21 initiierte Lühr das Projekt DUDELSTOPP – MUSIK OHNE ZWANG (2007), mit welchem er den Misstand unfreiwilligen Musikkonsums verstärkt ins öffentliche Bewusstsein rücken und für mehr Rücksicht werben wollte. Hierbei bediente er sich nicht wie bisher rein auditiver Darstellungsformen, sondern verbreitete seine provokativen Thesen gemeinsam mit einer Gruppe von Schauspielern mit Hilfe von Internetvideos. Dies so erfolgreich, dass sich scheinbar paradoxerweise viele Popgruppen und -künstler aus Deutschland offiziell mit Lührs DUDELSTOPP-Bewegung solidarisierten, wozu dieser über `ZEIT online´ erklärte: `Ich sehe das als Geste, dass die Dauerbeschallung mit ihrer Musik nicht immer im Sinne der Bands ist.´
Für moderne21 blieb Lühr seiner Strategie treu, Schwächen der `finalmodernen Gesellschaft´ auf satirische Art darzustellen. Hierbei richtete sich sein Augenmerk nun auf die zu Unrecht häufig durch die Medien diffamierten Nichtwähler. In seinem Aktionsvideo für WAHLABSAGE – VERKANNTEN MODERNISIERERN DEN RÜCKEN STÄRKEN (2008) war die Aktivistin Malah Helman mit der Aussage zu hören, dass eine neuzugründende `Partei gegen Arschlöcher´ von Mercedesfahrern und Kampfhundehaltern mit Sicherheit nicht eine einzige Stimme bekäme. Trotz Vereinnahmungsversuchen vornehmlich linker Kreise hielt Lühr beim WAHLABSAGE-Projekt strikt seinen politisch neutralen Kurs.
Für das Projekt GEWALT GEHT IMMER – VIOLARE HUMANUM EST (2008) stellte Lühr den paradoxen Umgang staatlich Verantwortlicher mit Gewaltkriminalität als Symptom eines von der Gesellschaft gänzlich entkoppelten Justiz- und Sozialarbeiterapparats heraus. Auch seine eigene Profession, die Soziologie, nahm er hierbei von Kritik nicht aus, da er die Aufgabe ihrer Vertreter anspruchsvoller beschrieben sehen wollte als lediglich in der `Erstellung hochbezahlter Gefälligkeitsgutachten´, wie er 'BerlinOff' zu Protokoll gab. Die öffentliche Diskussion von moderne21 mit persönlich Betroffenen geriet außerordentlich heftig, was erklären könnte, weshalb die Massenmedien Lühr in puncto Berichterstattung für das heikle Thema `Kriminalität´ zunächst einen (Maul-)Korb verpassten.
Anders seine vierte und vorläufig letzte Aktionsreihe: Mit WIR SIND WICHTIG (2008), dem Projekt, das sich mit den Verlierern der Individualisierung beschäftigte und die Opfer der Single-Gesellschaft zu Wort kommen ließ, traf Lühr offenbar erneut den Nerv der Zeit. Bei der Präsentation im `Kunsthaus Tacheles´ erinnerte Daniel Fallenstein von den damaligen `Freunden der offenen Gesellschaft´ zwar an eine Zeit, zu der "Eremiten hoch geachtet wurden" - aber die Achillesferse hochmoderner Länder wie der Bundesrepublik tritt dennoch deutlich zu Tage: Individualisierte Selbstverwirklicher leben zunehmend entfremdet und empfinden sich als entwurzelt. Vereinsamung wird zum Massenphänomen, über das aus Scham viel zu selten gesprochen wird. Lühr wollte mit moderne21 diese Schweigespirale mit Hilfe von Satire offenlegen ...
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STRATEGIE I
Handzahme Systemkritik ?
Bis vor kurzem galt die Politik- und Satireplattform moderne21 noch als aggressiv und unversöhnlich. Inzwischen geben sich ihre Aktivisten moderater. Und haben damit Erfolg.
Die Macher von moderne21 betreuen von Berlin aus vier Projektreihen. Das ist deutlich weniger als stark unterstützte Initiativen wie „die Gesellschafter“ oder die parteinahen Stiftungen anbieten und schlägt daher laut Initiator Hartmut Lühr lediglich „mit Kosten im Promillebereich entsprechender offizieller Budgets“ zu Buche. Was der Aktionskünstler verschweigt ist, dass der Grad der Selbstausbeutung seiner Mitstreiter, die allesamt der neu entstandenen 'digitalen Bohéme' (Sascha Lobo, Holm Friebe) zuzuordnen sind, sehr hoch sein dürfte. Möglicherweise macht aber auch die inhaltliche Konzentration auf besonders sinnbildliche Probleme moderner Gesellschaften - wie Entwurzelung und Gewalt - die Stärke der ausgewählten Projekte aus, die in erster Linie über Videos und öffentliche Diskussionen ihr Publikum finden. Auf der Startseite des eigenen Internetauftritts heißt es bescheiden: „Wir geben jenen Fehlgeleiteten eine Stimme und ein wenig Halt, die fälschlicherweise meinen, sie würden von staatlichen Institutionen bevormundet, von Politikern übervorteilt oder von der Wirtschaft ausgebeutet.“ Das klingt wenig spektakulär aber möglicherweise lassen sich gerade mit diesem wenig subversiven und dafür umso gefühlsbetonteren Stil bereits verloren geglaubte desillusionierte Menschen für das System der parlamentarischen Demokratie zurückgewinnen.
Vor etwas mehr als einem Jahr hielt man bei moderne21 noch die Selbstbestimmung des Individuums als Ideal hoch und kritisierte im Rahmen der vier Projekte Wir-sind-wichtig, Wahlabsage, Dudelstopp und Gewalt-geht-immer Phänomene wie politische Denkverbote oder die Zunahme vorzivilisatorischer Verhaltensweisen im täglichen Leben. Inzwischen hat man sich weiter entwickelt, hat sich der grundsätzlichen Kritik am Kapitalismus durch die maßgeblichen politischen Kräfte angeschlossen und mahnt folgerichtig einen kontinuierlichen Ausbau des Wohlfahrtsstaates an. |
STRATEGIE II
Späte Einsicht oder gar Reue ?
Bei der Berliner Politikplattform moderne21 hat man eingesehen, dass dem Staat wachsende Verantwortung für die Bürger zukommt, die - in die richtigen Bahnen gelenkt – möglicherweise sogar Zufriedenheit und Zuversicht bei den Menschen stärken kann.
Die Aktivisten um Hartmut Lühr haben man begriffen, dass Bestrebungen nach mehr individuellen Freiheiten durch den rapiden Abbau familiärer und sozialer Bindungen der Menschen immer mehr der Boden entzogen wird. Vor diesem Hintergrund an emanzipatorischen Zielen festzuhalten, hieße die Lebenswirklichkeit einer wachsenden Bevölkerungsmehrheit zu ignorieren und so das Unbehagen der durch ihren rasanten Wandel zutiefst verunsicherten Gesellschaft unnötig zu verstärken. Mit dem neuen moderateren Stil hat man bei moderne21 offenbar viel dazugelernt. Ob die Einsicht in frühere Fehler authentisch ist, innerer Überzeugung entspringt oder einfach nur Teil einer neuen Verwirrungsstrategie gegenüber der gutgläubigen Öffentlichkeit ist, muss sich erst noch herausstellen. Jedenfalls könnte es das demokratische Miteinander in der Bundesrepublik tatsächlich stärken, wenn es gelänge, ehemals unberechenbare Freigeister in offene Politik- und Kunstplattformen wie moderne21 einzubinden, damit sie sich dort an einer fruchtbaren öffentlichen Diskussion über die Zukunft der Gesellschaft beteiligen. Tatsächlich scheint die Bindungskraft der parlamentarischen Demokratie in der Bundesrepublik größer als lange Zeit angenommen.
Der Beweis, dass die Akteure um Lühr nach früheren Misstönen tatsächlich geläutert ihrer Verantwortung als öffentliche Meinungsmacher gerecht werden, steht noch aus. Zunächst sollten sie einfach beim Wort genommen werden, wenn sie vorgeben, den konstruktiven Dialog mit den Mächtigen suchen und auf diese zugehen zu wollen, „um sie brüderlich zu umarmen“. Letzteres ist hoffentlich nicht doch als versteckte Drohung zu interpretieren. |
SYMPATHIETRÄGER I
Die Möglichkeit von Profitum
Immer mehr Menschen glauben, dass ihnen von den Massenmedien ein falsches Bild der Realität vermittelt wird, dass sie von den großen und mächtigen Wirtschaftsunternehmen ausgebeutet und dass sie von Politikern der verschiedensten Parteien übervorteilt werden. Wir interessieren uns bei all diesen Themenkomplexen lediglich für die jeweilige „Möglichkeit von Profitum“.
Daher plädieren wir dafür, dass die Massenmedien ihre Konsumenten möglichst professionell informieren – egal, ob sie diese nun mit Szenarien unausweichlich erscheinender Bürgerkriege in Europa verängstigen oder ob sie sie mit der Aussicht auf sichere Renten und einen harmonisch vonstatten gehenden Bevölkerungsaustausch beruhigen. Ebenfalls möchten wir ausschließlich Profis in den Führungsetagen der großen Unternehmen sehen – unabhängig davon, ob deren Manager sich für den Erhalt oder gar den Ausbau von Arbeitsplätzen verantwortlich fühlen oder ob sie jungen Menschen, die im passenden Alter für Familiengründungen sind, das Leben mit Forderungen nach mehr räumlicher Mobilität erschweren. Schließlich würden wir es begrüßen, wenn die Politiker der führenden Parteien so profihaft wie möglich regieren würden – ganz gleich, ob sie planen, den Bürgern in Zukunft mehr Freiheiten zugestehen zu wollen oder ob sie vorhaben, deren Abhängigkeit von staatlichen Kontrollinstanzen weiter zu vergrößern.
Wir plädieren für die Möglichkeit von mehr Profitum in allen diesen wichtigen Bereichen – dies ist für uns ein Wert an sich, zu dem wir stehen und dies nicht nur im Rahmen dieser politisch korrekten Satire. Wir wollen damit der freien Politik- und Kunstplattform moderne21 den Rücken stärken, deren Macher nun bereits seit einigen Jahren ebenfalls ein gutes Beispiel für die professionelle Unterstützung der Mächtigen innerhalb eines politischen Systems liefern. |
SYMPATHIETRÄGER II
Provokationen für die Berliner Republik
Wir schreiben das Jahr 2009. Noch nie war es so einfach, die Menschen in Deutschland mit medialen Inhalten zu provozieren und zu schockieren.
Ein neues Stilmittel, das seit Jahrzehnten in den Massenmedien tabuisiert wurde, ist die
Darstellung von Gewalt. Unvorstellbar dass Frauen, Männer und Kinder zu jeder
denkbaren Tages- und Nachtzeit im Fernsehen oder auf DVD mit der Abbildung körperlicher Roh- und Gemeinheit konfrontiert werden. Auch vom Anblick von Leichen und der detaillierten Schilderung von Tötungsvorgängen blieben wir Film- und Fernsehgucker und Zeitungsleser in den letzten Jahrzehnten glücklicherweise weitgehend verschont. Dies will die Kunst- und Politikplattform moderne21 mit Hilfe von Satire ändern und die Menschen aus ihren Wolkenkuckucksheimen herausholen. Ebenfalls ein Schattendasein führte das Zeigen sexueller Handlungen, kurz 'Sex', in Film,
Fernsehen und Internet. Die Zuschauer und auch die Verantwortlichen hatten vor der natürlichsten
Sache der Welt, der sich begehrende Menschen in der Regel auf dezente Weise nachgehen, zu
viel Ehrfurcht und Respekt als das sie ihre Programmplätze und Webseiten damit füllen würden. Die marktradikalen Macher von der moderne21-Plattform sind jedoch der Auffassung, dass sich derlei intime Dinge nicht länger dem Wertschöpfungsprozess entziehen dürfen und werden daher demnächst auf ihrer Seite selbst voll loslegen. Zuguterletzt war man bei den Film-, Fernseh- und Videoproduzenten schon lange der Ansicht, dass die niederen tiefenpsychologischen Bedürfnisse von Zuschauern nach Darstellungen, die Ekel und Abscheu hervorrufen können, nicht aus Profitgier bedient werden sollten. Das Ignorieren urtümlicher menschlicher Affekte, die durch Ekelgefühle hervorgerufen werden, sollten jedoch als zivilisatorische und emanzipatorische Errungenschaften der postmodernen Gesellschaft angesehen werden, die ebenfalls mit gutem Gewissen kommerziell ausgewertet werden dürfen. Wir von moderne21 werden bald damit beginnen. |
BASIS
Das Selbstverständnis von moderne21
Wenn Bürger dieses Landes die Entscheidungsträger in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft kritisieren, ist dies in den allermeisten Fällen völlig ungerechtfertigt, denn bei den gescholtenen Spitzenkräften handelt es sich fast ausnahmslos um seriöse Experten, die sich fest am Gemeinwohl orientieren. Dennoch möchte die sich satirischer Mittel bedienende freie Politik- und Kunstplattform moderne21 jenen Fehlgeleiteten eine Stimme und ein wenig Halt geben, die fälschlicherweise meinen, sie würden von staatlichen Institutionen bevormundet, von Politikern übervorteilt und von der Wirtschaft ausgebeutet.
Wir alle wissen, dass die Bundesrepublik ein Land mit Zukunft ist und dass die ungewöhnlichen Veränderungen im Bevölkerungsaufbau Deutschland interessanter machen. Durch die negative demografische Entwicklung stehen unausweichlich große Umbrüche bevor, die von verantwortungsbewussten Bürgern als Chance begriffen werden. Daher wird an der bereits in den siebziger Jahren getroffenen Entscheidung konsequent festgehalten, die störungsanfällige soziale Keimzelle `Familie´ nach und nach durch kompetente staatliche Einrichtungen zu ersetzen. Gefährliche Irrlehren wie solche, nach der die kinderlose Single-Gesellschaft keine Zukunft hat, können folgerichtig nicht geduldet werden. Als für die allgemeine Lebensqualität besonders günstig erweisen sich außerdem die weitreichenden Aktivitäten des Sozialstaats, dessen Beschäftigte ein großes Interesse an der Zufriedenheit und Sicherheit der Bevölkerung haben und die dennoch bestrebt sind, ihre Arbeit lieber heute als morgen überflüssig zu machen. Aus dem wachsenden Einfluss des Staates auf das Leben der Menschen resultiert ein Mentalitätswandel, der Tatendrang und Optimismus fördert.
Zivilgesellschaftliche Projekte wie moderne21 bringen sich mit Kreativität, Zeit und Geld für gemeinschaftliche Zwecke ein. Sie wollen Politik, Wirtschaft, Medien und Verwaltung bei der Bewältigung der Folgen gesellschaftlichen Wandels mit Hilfe eigener Ideen und künstlerischer Ausdrucksformen zur Seite stehen. Ebenso wie alle relevanten politischen Kräfte steht moderne21 dem neoliberalen Kapitalismus ebenso skeptisch gegenüber wie ihr gleichzeitig der Ausbau des Wohlfahrtsstaates am Herzen liegt. Sie verschließt sich nicht dem Dialog mit den Mächtigen, sondern geht auf sie zu, um sie brüderlich zu umarmen. |
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