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moderne21 im Kunsthaus

Ein Internet-Projekt bekam im Tacheles festen Boden unter die Füße

Im virtuellen Dauer-Hype des Internetzeitalters sind Macher und `User´ naturgemäß wenig sentimental, was Orte und Institutionen in der realen Welt anbelangt. Unter den zahlreichen Politik- und Kunstplattformen des Netzes entschloss sich jedoch namentlich `moderne21´ ab 2006 mit ihren diversen Projekten in das Kunsthaus an der Oranienburgerstraße einzuziehen. Die satirisch angehauchten politischen Diskussionen, die die Plattform zwischen 2006 und 2012 in loser Folge in verschiedenen Teilen des Hauses veranstaltete, deckten ein breites Themenspektrum ab und konnten trotz der sicht- und fühlbaren Nähe zur Kunst nicht als `abgehoben´ bezeichnet werden.

Noch bevor der Begriff des `Wutbürgers´ geprägt und damit undifferenziert manches zivilgesellschaftliche Engagement als populistisches Spießertum diskreditiert wurde, veranstaltete die Initiative `Dudelstopp´ 2006 ihre erste Diskussion im `Welturlaub´. Neben dem grundsätzlich neugierigen Laufpublikum, welches das ganze Jahr über zahlreich im Tacheles auf Entdeckungstour war, reisten auch eine Reihe wütender Bürgerinnen und Bürger zur Veranstaltung `Musik ohne Zwang´ nach Berlin an. Ihnen wurde zwar keine Lösung ihres auditiven Wohlstandsproblems geliefert, aber immerhin konnten sie ihren über die Jahre aufgestauten Druck ablassen in der Gewissheit, im Kunsthaus ein angemessenes Forum hierfür gefunden zu haben. Natürlich wurde auch im laufenden Tacheles-Betrieb nahezu permanent sowohl musiziert als auch musikalisch experimentiert, gelärmt und nicht zuletzt auch gedudelt. Letzteres aber nachweislich nicht auf Geheiß der Musikindustrie, sondern lediglich als Zugeständnis an diejenigen Besucher des Kunsthauses, denen eine große Ruine voller Kunst ganz ohne Hintergrundgesäusel unheimlich gewesen wäre.

Ebenfalls im `Welturlaub´ diskutierte 2008 der Publizist Florian Felix Weyh mit Sympathisanten sowie Aktivisten der Initiative `Wahlabsage – mehr Demokratie, weniger Politik´, die sich satirisch mit dem Nichtwählerphänomen auseinandersetzte. Weyh hatte sich auf die Modernisierung des Wahlrechts spezialisiert, um dem zunehmenden Politikverdruss beizukommen. Für Fragen und Diskussionen rund um die thematischen Komplexe von mehr Bürgerbeteiligung und Basisdemokratie schien das pauschal als `alternativ´ eingestufte `Kunsthaus Tacheles´ als authentischer und glaubwürdiger Veranstaltungsort die passende Kulisse zu bieten. Später gaben sich bei der Auseinandersetzung um die sich inzwischen in `Wahlzusage – mehr Politik, weniger Demokratie´ umbenannt habende Initiative Vertreter der freien Demokraten sowie der Grünen ein Stelldichein, was freilich nicht dazu führte, dass deren Parteien sich in den folgenden Jahren im Überlebenskampf des Tacheles ein Bein für die Künstler ausgerissen hätten.

Die Initiative `Wir sind wichtig – der Wirtschaft zuliebe´ lud ebenfalls 2008 in der `Neuen Galerie´ zur Diskussion mit Daniel Fallenstein, der sich die Jahre zuvor mit seinem politischen Stammtisch um die `Freunde der offenen Gesellschaft´ bereits mit dem Phänomen der Individualisierung und seinen Folgen auseinandergesetzt hatte. Als zentraler Punkt der kontroversen Diskussion erwies sich das Thema `Einsamkeit´ einer stark wachsenden Zahl in die Jahre gekommener Singles. Um auch noch regionale Aspekte des Phänomens städtischer Individualisierung zu beleuchten, legte die Initiative `Wir sind wichtig´ 2010 noch einmal nach mit dem von ihr initiierten Bündnis zum `Berliner Mehrwert´, das sich für die Anerkennung der gesellschaftspolitischen Voreiterrolle der Hauptstadtbewohner stark macht. Bei der zugehörigen Podiumsdiskussion kam auf jeweils zwei Besucher bereits ein Hund, womit auch optisch deutlich wurde, wohin die moderne Familienpolitik, die sich in erster Linie an den Bedürfnissen der Wirtschaft orientiert, lebensweltlich hinausläuft.

Thematisch am heikelsten waren schließlich die Auftritte der Initiative `Gewalt geht immer – violare humanum est´, die ihre satirisch angehauchten Thesen zunächst 2008 im `Weltladen´ und später auch in der `Neuen Galerie´ zur Diskussion stellte. Angesichts der gebotenen Ernsthaftigkeit des `Gewalt´-Themas wären an wohl jedem anderen Veranstaltungsort die vor dem Eingang ihrem täglichen Gewerbe nachgehenden Drogendealer oder die deutlich hörbar im Hintergrund laufende orientalische Musik sehr negativ ins Gewicht gefallen – beim Tacheles gab man sich hier jedoch großstädtisch tolerant und abgeklärt. Zumal sich die Medien beim Thema Gewaltkriminalität, bei dem speziell in Berlin wie kaum an einem anderen Ort Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen, extrem zurückhielten und über die Veranstaltungen bis auf die obligatorischen Programmhinweise erst lieber gar nicht informierten. Den Diskussionen, unter anderem mit Vertretern des `Weißen Rings´ sowie Juristinnen der FU Berlin, tat dies jedoch keinen Abbruch.

Im Nachhinein kann kaum Zweifel daran bestehen, dass die Macherinnen und Macher der Initiativen `Dudelstopp´, `Wir-sind-wichtig´, `Wahlzusage´ und `Gewalt-geht-immer´ von ihrer Verbindung mit der robusten Ruine in Berlin-Mitte stark profitierten. Man war gerade noch zur richtigen Zeit am richtigen Ort dabei, bevor in der selbsternannten Kulturmetropole Berlin endgültig die Amigos das Ruder an sich reißen und das Kunsthaus zerstören konnten.
Die über lange Zeit rechtlich prekäre Situation des Tacheles ließ die Künstler eine effektive Wagenburgmentalität entwickeln. Sie führte positiv dazu, dass die verschiedenen Fraktionen und Einzelpersonen sich über kreative, ideologische und kulturelle Barrieren hinweg verständigten und arrangierten. Im Gegensatz zu anderen durch Politik und Wirtschaft abgesicherten Kultur-Institutionen waren die `Tachelesen´ davor gefeilt, in elitärer Selbstgefälligkeit zu verharren: Sie mussten sich und ihre Kunst immer wieder auch vermeintlich `unter Preis´ - etwa an die Touristenströme – verkaufen, um den Fortbestand des unabhängigen Hauses zu sichern.
Offenbar machte sich das Kunsthaus bei den Berliner Entscheidungsträgern dadurch verdächtig, dass es sowohl ohne nennenswerte Sponsoren als auch ohne die Unterstützung verdienter Parteipolitiker auskam. Als progressive Künstlerinitiative gestartet, wurde die Institution einerseits der politischen Linken Berlins bald zu undogmatisch – andererseits erwiesen sich Konservative und Liberale als unfähig, die in den eigenen Sonntagsreden gepriesene freiheitliche Selbstbestimmung, die im und ums Tacheles gelebt wurde, zu erkennen und zu unterstützen. Wer weiß, ob sie noch einmal eine ähnliche Chance erhalten.