HÖRSPIEL-SCRIPT
Getrübte Einigkeit
(Teil I - II - III - IV - V - VI - VII - VIII - IX - X):
"Konspiratives Interview einer Journalistin mit einer Terroristin"IVr>
Ein
unruhiger Raum, in den Straßenlärm und das Geräusch
langsam
stärker werdenden Regens dringen. Schritte
sind hörbar.
TERRORISTIN Bitte halten Sie
die Augen noch geschlossen !
JOURNALISTIN Trotzdem
gut, dass die Binde weg ist. Die hat Ihr Kollege
wirklich ein bißchen
sehr fest gezurrt !
Schritte
entfernen sich. Eine schwere Tür wird geschlossen.
Ist
er jetzt weg ? Sind wir alleine ?
TERRORISTIN Ja, aber die Augen
bleiben bitte trotzdem noch zu.
Sie
könnten ihn durch das Fenster zum Hinterhof sehen. Er ist gleich
weg,
haben Sie bitte noch einen Augenblick Geduld.
JOURNALISTIN Das
kommt einem ja langsam vor, wie auf einem drittklassigen
Kindergeburtstag
! Naja, warten wir eben noch ein bißchen !
Stöhnt
leicht erschöpft.
Der
Typ roch aber ein wenig unangenehm, muss ich sagen.
TERRORISTIN Ach ja ? Ist wohl
ungewohnt für Sie ? In Ihren Kreisen benutzen die
Herren
der Schöpfung wahrscheinlich schon fast genausoviele Duft-
wässerchen,
wie die Frauen, was ?
dass
sie dabei zu dem Duft auch gleich noch nach fortgeschrittener
Dekadenz
riechen, dürfte für Sie ja wahrscheinlich kaum eine Rolle
spielen
- Wenn Sie es überhaupt bemerken.
JOURNALISTIN Sagen
Sie, kann ich meine Augen jetzt öffnen ? Dann wäre ich end-
lich
auch in der Lage, den Gerüchen die entsprechenden Personen
zuzuordnen.
TERRORISTIN Sie können.
JOURNALISTIN Das
wurde aber auch langsam
Zeit ! Aha, so
sieht das hier also aus !
TERRORISTIN Tja, hier wohne ich
vorübergehend. Und da drüben steht mein Bett.
JOURNALISTIN Und
Sie sind wirklich zur Fahndung ausgeschrieben bei Interpol ?
Das
mag man ja gar nicht glauben, wenn man Sie so sieht !
TERRORISTIN An welchen
äußerlichen Merkmalen würden Sie denn den Grad der
Bereitschaft
zur Violenz bei einer Frau festmachen ? Das würde
mich
ja mal interessieren.
JOURNALISTIN Jetzt
habe ich wohl tatsächlich einen voreiligen Schluß gezogen
- Ist
sonst
gar nicht meine Art. Das muss an der ungewohnten Umgebung
liegen.
TERRORISTIN Schon möglich.
JOURNALISTIN Also,
Ihren Unterschlupf haben Sie ja wirklich absolut geheimgehal-
ten
mit der Augenbinde und den vielen Umwegen und so.
Hoffentlich
sind Sie nicht allzusehr enttäuscht, wenn ich Ihnen hiermit
versichere,
dass mir der Ort, an dem Sie sich mit Ihren Gesinnungs-
genossen
versteckt halten, nahezu völlig gleichgültig ist.
TERRORISTIN Das kann mir ja nur
recht sein. Absolute Geheimhaltung war ja ohne-
hin
die grundlegende Vorbedingung für Ihr Interview mit mir.
Wenn
ich ehrlich sein soll, muss ich sagen, dass ich mich bis
jetzt
noch
wundere, wie eine Mitarbeiterin einer sonst so unkritischen
Frauenzeitschrift
wie der Ihrigen über die entsprechenden Kontakte
verfügt,
die es ihr ermöglichen, ein Interview mit einer der am meisten
gesuchten
politischen Aktivistinnen zu bekommen.
JOURNALISTIN Ist
ja schließlich mein Beruf. Wir tun beide unsere Arbeit.
TERRORISTIN schmunzelnd:
Das stimmt wohl.
JOURNALISTIN Nur,
dass Ihre ein bißchen blutiger ist als die meine.
TERRORISTIN Soll das
jetzt etwa Ihre erste Frage sein ?
JOURNALISTIN Wollen
Sie mir nicht antworten ? Also, ich erlaube mir festzustellen,
dass
Sie auf Ihrem Weg einer angeblich besseren Gesellschaft ent-
gegen
etwas viele Tote zurücklassen.
Und
zwar nicht nur zahlenmäßig, sondern auch ethisch.
TERRORISTIN Na schön, es
hat natürlich Opfer gegeben. Politische Ideologien
müssen
sich Ihren Weg in die Realität eben leider oft erst mit Bra-
chialgewalt
erschließen, um in das Bewußtsein der schweigenden
Masse
vorstoßen zu können.
JOURNALISTIN Also,
das kann ich so aber nun wirklich nicht schreiben !
Verstehen
Sie mich bitte richtig: Auch wenn ich es überaus interes-
sant
finde, am Rande der Legalität unter konspirativen Umständen
ein
Interview mit Ihnen führen zu können, müssen wir beide
uns
trotzdem
vor Augen halten, dass es ein Lifestyle-Magazin ist, für
das
ich schreibe. Das gibt Ihnen ja schließlich immerhin auch die
Möglichkeit,
über Ihren sonstigen Wirkungskreis hinaus Aufmerk-
samkeit
zu erregen.
Für
unsere Leserschaft sind die menschlichen Aspekte Ihres Han-
delns
sicher interessanter als ideologische Statements.
TERRORISTIN Ach, tatsächlich
?
JOURNALISTIN Ich
kann mir z.B. gut vorstellen, dass während Ihrer Aktionen
zwischen
den
Teilnehmern eine gewisse, vielleicht unterschwellig bestehende,
erotisch
geladene Atmosphäre herrscht. Eventuell ja sogar zwischen
Ihnen
und Ihren Opfern.
TERRORISTIN Das ist doch wohl
nicht Ihr Ernst ?
JOURNALISTIN Sie
müßten ja eigentlich auch ein besonderes Verhältnis
zu Ihren
Waffen
haben; Zu Ihrem Revolver, den ich da auf Ihrem Nachttisch
erspähe.
Überhaupt:
Wo Sie doch sogar nachts damit rechnen müssen, von der
Staatsmacht
gestellt zu werden, nehmen Sie Ihren kleinen Freund
sicher
auch mit ins Bett, oder ?
TERRORISTIN `Meinen kleinen
Freund´ - Wie kommen Sie denn auf so etwas ?
JOURNALISTIN Für
mich ist es bei meinen Recherchen wichtig, im Hinterkopf zu
haben,
dass ich für ein gutinformiertes Publikum arbeite, welches
vor
allem
an Backroundinformationen interessiert ist. Und in diesem Be-
reich
spielt selbstverständlich gerade die Sexualität eine
bedeutende
Rolle.
TERRORISTIN Man kann Sie
offenbar nicht davon abbringen.
JOURNALISTIN Ich
kann Ihnen auch gleich sagen, dass ich in dieser Hinsicht bis
jetzt von Ihnen etwas enttäuscht bin. Ich hätte nicht
vermutet, dass man bei einer doch extrem progressiven Frau wie
Ihnen auf derartig viel Ver-
drängung
in diesem Bereich stoßen muss.
TERRORISTIN Ich erkenne
überhaupt kein Konzept in Ihren Fragen.
JOURNALISTIN Haben
Sie jemals einen Menschen getötet ?
TERRORISTIN Sie meinen den Fall
in Mainz ? Glauben Sie bitte nicht, das mein Ge-
wissen
unser Vorgehen damals ganz ohne Skrupel einfach gebilligt
hat.
Ich bin auch heute noch immer nicht völlig darüber hinweg.
Andererseits
hatte Breitenfells wirklich eine sehr herausragende
Stellung
in der Sicherheit inne und er war sogar für damalige Ver-
hältnisse
miserabel geschützt.
JOURNALISTIN Das
war ja aber wirklich auch nur so ein typischer verschwitzt-fetter
Langweiler.
Irgendwie ja fast direkt eine Erlösung für die Sinne, dass
er
weg ist.
Der
Neue, sein Nachfolger, ist ja gleich auch viel hübscher. Zwar
augenscheinlich
auch nicht mehr ganz der jüngste, aber er hat irgend-
wie
das gewisse Etwas. Finden Sie nicht auch ?
TERRORISTIN Sagen Sie mal, ist
das jetzt das neueste Kuriosum auf dem spätkapi-
talistischen
Arbeitsausbeutungsmarkt ? Sexistische Journalistinnen ?
Sie
werden wirklich etwas unsachlich !
JOURNALISTIN Wer
ist das dort auf dem Foto ? Ist das Ihr Freund ?
TERRORISTIN Ja. Ich habe
vergessen, es wegzustellen, bevor Sie kamen. Ich wollte
eigentlich
nicht, dass Sie es sehen.
JOURNALISTIN Ich
wußte doch, dass Sie auch nicht ohne auskommen !
Worin
besteht seine Aufgabe bei Ihren Aktionen ?
TERRORISTIN Ach, er hat
überhaupt keine Aufgabe. Ich möchte ihn soweit es geht
aus
allem heraushalten. Er ist für diese Dinge nicht geeignet.
Es
war schwierig genug, ihn überhaupt einzuweihen.
JOURNALISTIN Sieht
eigentlich gar nicht so sensibel aus ! Sein Blick wirkt eher sehr
entschlossen
auf mich.
Den
werden Sie doch hoffentlich nicht als Heimchen am Herd bei sich
zu
Hause verschimmeln lassen !
Zutrauen
würde ich es Ihnen - Nach allem, was Sie mir bis jetzt über
sich
erzählt haben...
TERRORISTIN Wirklich sehr
bedauerlich, dass ich Ihrer Kolumne nicht sie heißblütige
Amazone
darbieten kann, die Ihrer Auflage zu neuen Höhenflügen
verhelfen
würde.
JOURNALISTIN Könnte
ich nicht vielleicht doch einen Abzug von diesem schnucke-
ligen
Foto haben ?
Dieses
Bild neben meinem Bericht würde eventuell mein Interview mit
Ihnen
und Ihrem düsteren Weltbild etwas relativieren.
TERRORISTIN `Düsteres
Weltbild´ - Sie haben von mir doch noch gar nichts gehört
über
mein Weltbild.
JOURNALISTIN Was
Sie mir bis jetzt erzählt haben, reicht durchaus, um ein vor
dem
Konsum
meines Interviews mit Ihnen durchaus noch tolerantes Publi-
kum
zu verschrecken.
TERRORISTIN Das meinen Sie
jetzt nicht wirklich, oder ?
JOURNALISTIN Um
ein neugieriges Publikum zu ernüchtern, genau das.
Meinen
Sie vielleicht, Ihre lustfeindlichen Ansichten nimmt Ihnen eine
aufgeklärte
und emanzipierte Leserschaft einer nach Kräften und
gegen
den erklärten Willen des Verlagsvorstandes progressiven Frau-
enzeitschrift
ab ?
Sie
gehen überhaupt nicht auf meine Stichworte zur Sinnlichkeit in
linksterroristischen
Kreisen ein - Ist Ihnen das nicht aufgefallen ?
TERRORISTIN Aber darum geht es
doch auch überhaupt nicht !
JOURNALISTIN Na, wenn Sie sich
da mal nicht irren ! Durch den Kontakt mit unseren
Leserinnen
kann ich Ihnen jedenfalls eines verraten: Einer langweili-
gen,
da politischen Interviewpartnerin gegenüber können die
Frauen
nachsichtig
sein; Nicht aber einer, die ihre elementaren körperlichen
Bedürfnisse
als weiblicher Mensch wegleugnet und -heuchelt.
TERRORISTIN Sind Sie jetzt
fertig ?
JOURNALISTIN Wahrscheinlich ist
es besser, wir beenden unser Gespräch. Ich weiß
sowieso
nicht, wie ich dieses Interview eigentlich verkaufen soll.
Was
mir aber vielleicht ja doch an Ihnen imponiert: Wie Sie trotz
dieses
ganzen Ideologie-Nonsens Ihren netten Freund halten können.
Da
muss doch einfach noch mehr im Spiel sein. Darüber
hätten wir
reden
sollen; Das hätte unsere Leserinnen sicher interessiert.
TERRORISTIN Unser Kampf richtet
sich auch gegen die fortwährende Unterdrückung der Frauen.
JOURNALISTIN Welche
Unterdrückung ? Habe ich jetzt ewas nicht mitbekommen ?
TERRORISTIN Haben Sie überhaupt
etwas mitbekommen ?
JOURNALISTIN Weiß Ihr
Freund eigentlich von diesem Interview ? Gefällt es ihm
vielleicht,
seine Partnerin hunderttausendfach vervielfältigt in einem
modernen
Magazin zu sehen ? Ist es etwas in dieser Richtung ?
TERRORISTIN Benny hätte
mit Sicherheit kein Verständnis für die Art Ihrer Fragen
gehabt.
Wenn er auch ideologisch nicht völlig mit mir übereinstimmt,
so
kann er doch amateurhafte Provinzschreiberlinge von engagierten
Journalistinnen
unterscheiden.
JOURNALISTIN Benny ist ja mal
ein niedlicher Name für so einen netten Mann ! Gefällt
mir.
Glauben
Sie jetzt bitte bloß nicht, ich hätte Ihre beleidigenden
Worte
über
meinen Berufsstand eben nicht vernommen oder wüßte sie
nicht
zu
würdigen ! Ich habe mich sowieso schon die ganze Zeit über
ge-
fragt,
wann Sie endlich Ihren Frust darüber artikulieren, dass es
durch-
aus
Frauen gibt, die sich Geltung auch mit staatstragenden Tätigkeiten
verschaffen
und auf das letzte verzweifelte Mittel Terror getrost ver-
zichten
können.
Ich
hätte allerdings erwartet, dass Sie dieses dezenter tun
würden.
TERRORISTIN Wie konnte ich mich
bloß auf ein Treffen mit Ihnen einlassen ?
Sie
machen mir beinahe mehr Angst als der Staatsanwalt.
JOURNALISTIN amüsiert:
Oh, komme ich jetzt auf Ihre schwarze Liste ?
TERRORISTIN ebenfalls lockerer:
Na, in der Gesellschaft all der illustren Namen
auf
unseren Listen würden Sie sich sicher sehr gut aufgehoben fühlen
!
JOURNALISTIN Unterschätzen
Sie mich bitte nicht ! Gerade in meinem Beruf lernt man
schnell,
SCHEINEN von SEIN zu unterscheiden.
Das
ist auch der Grund dafür, warum ich Sie jetzt bitten möchte,
wieder
einen
Ihrer Kollegen hereinzuholen, damit er mir dann noch einmal wie
vorhin diese dämliche Augenbinde umlegen kann, die Ihnen die
Geheimhaltung
Ihrer ja wirklich nicht gerade verschwenderisch einge-
richteten
Unterkunft garantiert.
TERRORISTIN Schließen Sie
die Augen !
Sie
geht zu der schweren Tür und öffnet sie.
Schritte
nähern sich aus einem benachbarten Raum.
JOURNALISTIN Ist das jetzt
wenigstens Ihr aparter Freund ?
TERRORISTIN Natürlich
nicht !
JOURNALISTIN Was für ein
Tag !
ARNO Diese Person
hat ja wirklich eine bösartige Phantasie !
DORIS lachend:
Sie und eine engagierte Journalistin ! Da sind sie jetzt aber
ganz
schön mit mir durchgegangen. So was Absurdes !
LINDA Warum meinen
Sie eigentlich, dass das kein Beruf für mich wäre ?
Sie
mit Ihrer feindbildfixierten Einstellung können sich vom Leben
wertkonservativ
gewordene Frauen wie mich wohl nur an der Seite
von
skrupellosen Geschäftsleuten vorstellen, was ?
DORIS Sie kommen
meiner Vorstellung in der Tat erstaunlich nahe.
An
der Seite eines Großindustriellen z.B. würden Frauen wie
Sie doch
bestimmt
erst richtig zu Ihrer persönlichen Entfaltung kommen.
Die
Rolle würde Ihnen sicher gefallen, oder ?
LINDA Sie haben
wirklich seltsame Vorstellungen !
ARNO Kann man wohl
sagen !
Arno als INDUSTRIELLER
Doris als REALISTIN
Linda als GATTIN
Richard als KRIECHER
Download der Hörspiel-Vertonung von 1994/95: Hörspiel-Podcast
(Autorenproduktion)