Initiative `Wir-sind-wichtig - Der Wirtschaft zuliebe !´C. Kölln und C. Köpp bei den Aufnahmen zu `Gehobene Narrenfreiheit´ (1996) in Hamburg-Eilbek




HÖRSPIEL-SCRIPT

Getrübte Einigkeit

(Teil I - II - III - IV - V - VI - VII - VIII - IX - X):


"Erpressung eines Industriellen wegen seiner Rüstungsexporte"



Der Widerhall der gesprochenen Worte läßt den Hörer

einen Raum von großzügigen Ausmaßen vermuten.


KRIECHER Wann kommt er denn nun endlich ?

REALISTIN Ein bißchen Geduld ! Ich glaube, er ist gerade erst aufgestanden.

Kurze Pause.

KRIECHER Es ist eine Auszeichnung.

REALISTIN Und eine Ehre ist es wohl auch.

KRIECHER Nicht umsonst wohnt er in einem so prachtvollen Haus.

REALISTIN Na, umsonst bestimmt nicht.

KRIECHER Ich würde sagen: Er hat es geschafft - Er ist ganz oben.

REALISTIN Damit könntest du recht haben.

KRIECHER Seit letzter Woche ist er eine Persönlichkeit.

REALISTIN Ich denke, er war vorher auch schon jemand.

KRIECHER Der Ehrenverdienstpreis der Stadt Augsburg ! Wofür hat er ihn

eigentlich bekommen ?

REALISTIN Für die Beschäftigungspolitik seines Betriebes. Er konnte dem all-

gemeinen Trend zum Abbau von Arbeitsplätzen in der Branche

erfolgreich entgegensteuern.

KRIECHER In welcher Branche ?

REALISTIN Der Rüstung. Seine Firma stellt Rüstungsgüter her.

KRIECHER Waffen zum erhalt des Friedens, sicher.

REALISTIN Stationäre Werfersysteme, Minen, Radar und ferngesteuerte Lenk-

waffen. Der Rest ist geheim.

Schritte nähern sich.

KRIECHER Hat er es denn nötig, den geheimzuhalten ?

REALISTIN Bald vielleicht nicht mehr.

INDUSTRIELLER Hoffentlich recht bald ! Guten Morgen !

KRIECHER Guten Morgen !

REALISTIN Guten Morgen !

INDUSTRIELLER Glauben Sie mir: Es wird einem mit der Zeit ganz schön lästig,

ständig um den heißen Brei herumzureden, wenn man auf seine berufliche Tätigkeit

hin angesprochen wird.

Und das alles nur, um einer kleinen Elite von überkritischen Journalisten

nicht noch zusätzlich zu ihrer ohnehin schon überschäumenden Phanta-

sie Zündstoff zu liefern.

KRIECHER So etwas nennt man dann ja wohl Betroffenheitsjournalismus. Von Ver-

antwortung gegenüber unserer Wirtschaft keine Spur !

INDUSTRIELLER Vollkommen richtig bemerkt, mein Herr ! Und gerade verantwortungs-

bewußte Menschen brauchen wir heute mehr denn je. Mit der Jeunesse

doreé ist eben einfach kein Staat mehr zu machen; War er übrigens auch

nie, nur galt man bis vor kurzem in diesem Land ja gleich als reaktionär,

wenn man eine solche Wahrheit mal beim Namen nannte.

Aber die Bilanzen haben schließlich schon immer eine deutliche Sprache

gesprochen...

GATTIN ermahnend: Arno !

INDUSTRIELLER Man muss sie nur zu lesen verstehen: Lohnfortzahlung im Krankheits-

fall, Mutterschaftsurlaub, Versicherungsbeiträge... . Wie soll da ein

gesunder Betrieb auf Dauer bestehen können, wenn er auf diese Weise

von Parasiten durchsetzt ist ?

Darf ich vorstellen: Meine Frau Linda.

GATTIN Sehr taktvoll von dir, Liebling !

KRIECHER Angenehm !

REALISTIN Angenehm !

GATTIN Freut mich sehr ! Sie müssen es meinem Mann bitte nachsehen, wenn er

sich in diese Themen vielleicht ein bißchen zu sehr hineinsteigert. So wie

ich ihn kenne, dient ihm das auch nur zur Ablenkung.

REALISTIN Ach ja ?

INDUSTRIELLER Du meinst, ich war unhöflich unseren Gästen gegenüber ?

GATTIN Wir können doch ruhig offen zu ihnen sein.

KRIECHER Um was geht es denn nun eigentlich ?

REALISTIN Wovon müssen Sie sich ablenken ?

INDUSTRIELLER Wir haben hier momentan einfach sehr viel Streß.

GATTIN Wir haben gestern wieder einmal einen Brief bekommen: Eine Mord-

drohung; Die Polizei ist auch schon eingeschaltet.

INDUSTRIELLER Das Haus wird verstärkt überwacht.

GATTIN Wieder einmal, muss man sagen.

INDUSTRIELLER Wir hatten so etwas schließlich schon öfter.

KRIECHER Das hört sich ja schlimm an !

GATTIN Ja, es ist leider nicht das erste Mal, dass das vorkommt.

REALISTIN Wie werden Sie denn damit fertig: Mit dieser Bedrohung ?

GATTIN Also, daran gewöhnen werde ich mich jedenfalls nie, das können Sie mir

glauben.

KRIECHER Natürlich nicht. Wie wird denn eigentlich diese Morddrohung gegen Sie

begründet ? Ich meine: Sie sind doch soweit völlig unbescholten, wenn

ich das sagen darf.

REALISTIN So etwas kann doch niemand begründen.

GATTIN Das meine ich auch.

INDUSTRIELLER Dieser Brief stammt wohl von irgendeiner zentralafrikanischen Wider-

standsgruppe. Man wirft mir vor, mit den Waffenlieferungen meiner Firma

würde ich das Regime dort stützen. Das soll angeblich ein Mörderregime

sein. Dabei ist der Vorwurf natürlich völlig absurd.

KRIECHER Natürlich.

INDUSTRIELLER Und selbstverständlich bin ich im Besitz einer Unbedenklich-

keitsbescheinigung des Außenhandelsministeriums für meine Lieferungen.

REALISTIN Damit kann man solchen Fanatikern wohl kaum beikommen.

INDUSTRIELLER Aber erlauben Sie: Wenn ich mich noch nicht einmal mehr auf die

Sachverständigen im Außenhandelsministerium verlassen kann - Auf wen

denn bitte dann sonst noch ?

REALISTIN Ich wollte diese Verbrecher doch eben nicht in Schutz nehmen. Um

Himmels Willen ! Hat sich das etwa so angehört ?

KRIECHER Es klang fast danach.

REALISTIN Ich meinte ja nur, dass Sie bei Leuten, die Ihnen Morddrohungen ins

Haus schicken, wohl kaum einen logischen Argumenten zugänglichen

Sachverstand voraussetzen können. Das ist alles, was ich sagen wollte.

INDUSTRIELLER So habe ich Sie auch verstanden.

REALISTIN Dann ist es ja gut.

GATTIN Das ärgert einen einfach, wissen Sie ? Diese Borniertheit von diesen

Leuten - Bedrohen undifferenziert unsere ganze Familie ! Sippenhaftung:

Das ist doch nun wirklich finsterstes Mittelalter, oder was meinen Sie ?

KRIECHER Überhaupt keine Frage.

GATTIN Als ob ich etwas mit Arnos Firma zu tun hätte oder irgendwie eingeweiht

wäre bei diesen ganzen brisanten Artikeln, die er vertreibt.

KRIECHER Das ist wirklich eine naive Vorstellung !

GATTIN Und meinem Mann, wissen Sie, machen solche Drohbriefe ja überhaupt

nichts aus.

INDUSTRIELLER Die gehören einfach zu meinem Geschäft, was soll´s ?

Nur, dass meine Frau sich jetzt auch noch um ihre Sicherheit sorgen muss:

Das kann einem schon den Tag ganz schön verderben, verstehen Sie ?

REALISTIN Natürlich ! Das muss ja furchtbar für Sie sein.

GATTIN Die machen ja nicht einmal vor unseren Kindern halt !

Zwölf und acht Jahre - Ich bitte Sie: Die können doch überhaupt noch

nicht nachvollziehen, woher das Geld für ihren Unterhalt stammt.

REALISTIN Naja, vielleicht meinen die Leute, die Ihnen solche Briefe schreiben, ja,

dass das Leben Ihrer Kinder nicht mehr wert sein darf als das von irgend-

einem Buschkind, das in Afrika auf eine Tellermine tritt und zerfetzt wird.

Nicht etwa, dass ich selber solch eine Meinung vertreten würde...

INDUSTRIELLER Das wäre auch etwas befremdend, muss ich sagen.

REALISTIN ... aber es scheint mir schon nachvollziehbar, dass jemand, der so denkt,

Ihnen solche Briefe schreibt.

GATTIN Diese unschuldigen Zivilisten tun mir auch leid, was meinen Sie denn ?

Vielleicht bedaure ich sie mehr, als Sie sich das vorstellen können.

Leute, die verkrüppelt oder getötet werden - furchtbar ! Ich spiele auch

immer noch mit dem Gedanken, wenn die Kinder etwas größer sind,

eine ehrenamtliche Tätigkeit in einer Menschenrechtsorganisation zu

übernehmen.

INDUSTRIELLER Ich weiß: Das wolltest du eigentlich doch schon immer machen.

Da wäre ich doch der letzte, der dich daran hindern würde. Das weißt du doch,

nicht wahr ?

GATTIN Aber natürlich, Liebling.

KRIECHER Was spricht auch dagegen ?

GATTIN Das meine ich auch. Und wissen Sie was ? Gerade die Leute, die uns

solche Drohbriefe schreiben, hätten es eigentlich in der Hand, diese

ganze unnötige Gewalt in den unterentwickelten Ländern einzudämmen.

Es ist ja wie in einem Kreislauf, verstehen Sie ?

REALISTIN Ehrlich gesagt: Nein.

GATTIN Gewalt erzeugt Gegengewalt - Das war doch schon immer so.

Wenn die Karten in diesen Staaten also wirklich so ungleich verteilt sind

und diese Widerständler keine Chance gegen die Regierung haben, dann

müssen sie eben ein bißchen zurückstecken; Man verschiebt die Refor-

men dann eben auf günstigere Zeiten, schraubt die Ansprüche ein wenig

zurück und arrangiert sich vorübergehend mit dem Regime.

Wo ein Wille ist, ist auch immer irgendein Weg, meinen Sie nicht ? Dann

würde die ganze Gewalt auch nicht so eskalieren.

KRIECHER Wie Sie die Dinge durchschauen !

INDUSTRIELLER Wir müssen uns ja schließlich auch arrangieren mit unserem Staat.

Glauben Sie vielleicht, dass mir hier alles so gefällt, wie es ist und wie es

sich hierzulande liberal schimpft ? Wenn es nach mir ginge, dann sähe

dieses Land auch anders aus, das können Sie mir glauben.

REALISTIN Glaub´ ich gerne !

INDUSTRIELLER Und deshalb veranstalte ich ja schließlich auch keine Revolution,

nicht wahr ?

KRIECHER Die Mittel dazu hätten Sie ja !

Allgemeines Gelächter.

INDUSTRIELLER Das sehen Sie ganz richtig. Aber ich kenne ja zum Glück

meine Grenzen. Sehen Sie: Das ist halt der Unterschied zwischen mir und diesen Feig-

lingen, die uns solche Drohbriefe schreiben.

REALISTIN Und diese ganzen unschuldigen Toten bereiten Ihnen wirklich keine

schlaflosen Nächte ?

INDUSTRIELLER ironisch: Aber natürlich tun sie das. Bemerken Sie denn gar nicht

meinen verschlafenen Blick heute morgen ?

GATTIN Naja. Geschlafen hast du letzte Nacht ja wohl wirklich nicht so viel,

nicht wahr, mein Schatz ?

INDUSTRIELLER Aber der Grund dafür waren nun keine niveaulosen Drohbriefe.

Lachen.

REALISTIN Mir ist aber zu Ohren gekommen, dass sich selbst Vertreter von Arbeit-

nehmerverbänden Ihrer Branche neuerdings auch für eine restriktivere

Ausfuhrpolitik Ihrer Erzeugnisse einsetzen.

GATTIN Mein Gott, noch mehr Amateurfriedenspolitiker ! Das sind doch immer

die ersten, die jammern, wenn aufgrund einer verfehlten Wirtschafts-

politik Arbeitsplätze abgebaut werden müssen !

INDUSTRIELLER Sie wollen Arbeitsplätze, an denen kein Blut haftet.

Ein frommer Wunsch. Nur werden sie die in diesem Land kaum mehr

finden, so leid es mir tut.

KRIECHER Kann einem ja auch leid tun, diese Naivität.

REALISTIN Meinst du wirklich ?

KRIECHER Du hast es doch jetzt selber gehört !

REALISTIN Ja, das stimmt.




Download der Hörspiel-Vertonung von 1994/95: Hörspiel-Podcast
(Autorenproduktion)



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